https://www.faz.net/-gum-7va94

Entscheider über Asylverfahren : Du darfst bleiben, du musst gehen!

Mitleid hat er nicht, aber Mitgefühl: Der Entscheider Jochen K. befragt den Asylbewerber Jasmin B. Bild: Lucas Wahl

Herr K. ist Entscheider. Von ihm hängt ab, ob Asylbewerber, die hier Schutz suchen, wieder abgeschoben werden. Das sorgt zwangsläufig für Trauer und Wut. In seinem Büro liegen daher immer Taschentücher bereit.

          7 Min.

          Jochen K., 50, Familienvater, Motorradfahrer und Schalke-Fan, kennt das Wort „Richter“ in fünf Fremdsprachen: Arabisch, Persisch, Türkisch, Englisch und Französisch. Das hängt mit seinem Beruf zusammen. Jochen K. ist Entscheider beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Er entscheidet, ob ein Flüchtling in Deutschland bleiben darf oder abgeschoben wird. Nicht nach Aktenlage, sondern per Anhörung. Manche Dolmetscherinnen sagen deswegen zu den Flüchtlingen, die vor Jochen K. sitzen: „Er ist dein Richter.“ Jochen K. widerspricht dann: „Ich will diese hierarchische Situation nicht haben.“ Aber das ist natürlich Quatsch, und Jochen K. weiß das. Er weiß um seine Verantwortung. Er weiß, dass jede Entscheidung, die er trifft, „eine schicksalhafte Reichweite für die Menschen, die vor mir sitzen, haben kann“.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mehrere hundert Asylbewerber werden an jedem Arbeitstag von Jochen K. und den anderen 400 Entscheidern angehört, die in einer der 24 Außenstellen des Nürnberger Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge sitzen. Jochen K. hat sein Büro im sogenannten Entscheidungstrakt der Erstaufnahmeeinrichtung im mecklenburgischen Nostorf-Horst, einem Flüchtlingslager, das in einer ehemaligen NVA-Kaserne im Wald kurz hinter der alten DDR-Grenze liegt. Etwa 600 Asylbewerber leben hier. Ein gutes halbes Jahr muss jeder von ihnen im Schnitt warten, bis entschieden wird, ob er in Deutschland bleiben kann oder nicht. Das ist lang. Zu lang, finden viele. Aber die Flüchtlingszahlen steigen eben immer schneller. 116.000 neue Asylanträge haben Flüchtlinge seit Januar schon gestellt. Eine Steigerung um fast 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und obwohl schon jetzt klar ist, dass dieses Jahr mehr Menschen bleiben dürfen als letztes, müssen immer noch siebzig Prozent aller Bewerber zurück in ihre Heimat.

          Standardisierter Ablauf

          Das Büro von Jochen K. sieht allerdings überhaupt nicht so aus, als müsste man Angst vor ihm haben. Die Wände hängen voller Poster: Pink Floyd, Humphrey Bogart und Ingrid Bergman in „Casablanca“, diverse Landkarten von Afghanistan über den Nahen Osten bis hin zu Afrika und Amerika. Ein Poster mit Zitaten aus dem Grundgesetz. Und ein Wimpel von der türkischen Polizei, wo K. mal eine Schulung durchgeführt hat. „Den nehme ich aber ab, wenn türkische Bewerber kommen“, sagt er. Für die Menschen, die er anhört, liegen Papiertaschentücher bereit. Heute Morgen war schon eine junge Syrerin da, die welche gebraucht hat. Sie hat erzählt, dass ihr Baby auf der Flucht gestorben ist. Danach hat sie sich entschuldigt, dass sie geweint hat. Und K. hat sich entschuldigt, dass er sie zum Weinen gebracht hat. Hat er Mitleid mit manchen Bewerbern? „Mitleid nicht, das würde mich daran hindern, die richtigen Fragen zu stellen. Aber Mitgefühl. Ich habe eine professionelle Distanz. Als Chirurg können Sie am offenen Herzen auch nicht denken: O Gott, was blutet das stark!“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trotz Staatshilfen: Lufthansa fliegt au dem Dax

          Nach 32 Jahren : Lufthansa fliegt aus dem Dax

          Trotz Staatshilfen in Höhe von 9 Milliarden Euro muss die größte Fluggesellschaft in Deutschland ihren Platz im Dax räumen. An deren Stelle tritt eine Wohnungsgesellschaft.

          Corona-Politik in Moskau : Das Virus des Westens

          Russland in Siegesstimmung: Moskau verordnet sich neue Quarantäneregeln. Einige sind freilich so absurd, dass sie auf Youtube parodiert werden. Und Polizisten fühlen sich ohnehin nicht an sie gebunden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.