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Jil Sander ist zurück : Dior hoch zwei

Hello: Jil Sander nach ihrer Damenmode-Schau im Oktober 1998 Bild: Helmut Fricke

Das beste Gerücht der Mailänder Modewoche kommt aus Deutschland: Der Mensch Jil Sander kehrt zurück zur Marke Jil Sander. Desginer Raf Simons muss gehen – womöglich zu Dior?

          Es ist die Woche der zurückkehrenden Rentner. Am Samstag wurde Otto Rehhagel (73) als Trainer für Hertha BSC verpflichtet. Am Sonntag berief Berlin Joachim Gauck (72) zum Präsidentschaftskandidaten. Und am Donnerstag verdichteten sich Gerüchte, dass Jil Sander (68) wieder in die Mode kommt.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Das beste Gerücht der Mailänder Modewoche, die am Mittwoch begann, kommt also weder von den Italienern mit Heimvorteil noch von den für Klatsch und Tratsch bekannten Briten. Dieses Mal steht im Mittelpunkt eine Meldung der deutschen „Gala“: Der Mensch Jil Sander kehrt zurück zur Marke Jil Sander! „Sie war letzte Woche in Paris auf der Première Vision und hat Stoffe gekauft“, sagt „Gala“-Modechef Marcus Luft nach der Schau von Fendi am Donnerstagmittag. „Das waren keine Stoffe für den häuslichen Gebrauch.“ Einem Stofflieferanten habe sie erzählt, dass sie in die Branche zurückkehren werde, aber erst in vier Wochen darüber sprechen könne. Unter den Lieferanten der Stoffmesse, so habe ihm eine Quelle versichert, gab es kein anderes Gesprächsthema.

          Goodbye: Raf Simons nach seiner ersten Damenmode-Schau für Jil Sander im Februar 2006 Bilderstrecke

          Während die deutschen Schauenbesucher am Donnerstag ebenfalls kein anderes Thema kennen, geben sich die internationalen Besucher überrascht. „Das ist doch eine gute Idee“, sagt Mario Boselli, Präsident der italienischen Modekammer. „Jil Sander hat Jil Sander gegründet, und dennoch würde sie das Haus in eine neue Richtung führen.“ Linda Fargo, Mode-Chefin des New Yorker Luxuskaufhauses Bergdorf Goodman, hält sich bedeckt: „Ich weiß nichts davon und möchte das auch nicht kommentieren.“ Solche Personalien werden in der Modebranche - erst recht wenn es sich um Jahresgehälter in teils zweistelliger Millionenhöhe handelt, börsennotierte Unternehmen beteiligt sind und große Gruppen von Anwälten die Verträge aushandeln - so geheimnistuerisch behandelt wie in Berliner Hinterzimmern.

          Innerlich hatte sich Jil Sander nie von ihrem Unternehmen getrennt

          Am Nachmittag um 15.21 Uhr erhält die Nachricht dann Bestätigung von anderer Seite: „Die Jil Sander Group gibt bekannt, dass die Zusammenarbeit mit dem Creative Director Raf Simons zum 27. Februar 2012 beendet wird.“ Simons war seit 1. Juli 2005 „Creative Director“ der Modemarke, die einst von Jil Sander gegründet wurde. Sein erstes Projekt war die Herrenkollektion für Herbst und Winter 2006. Die Damen-Kollektion für Herbst und Winter 2012, die er am Samstag um 14 und 15 Uhr an der Via Beltrami präsentiert, wird die letzte für die Firma sein. Man mutmaßt, dass Raf Simons aus Verärgerung über die vorzeitige Veröffentlichung der Personalie nach der Schau nicht auf den Laufsteg treten wird. Der Name eines neuen Designers, so heißt es bei Jil Sander, wird in den nächsten Tagen bekanntgegeben.

          Der Platz ist also frei für Jil Sander, die sich innerlich nie getrennt hat von ihrem Unternehmen, auch wenn es in andere Hände ging. Und der Raum ist offen für die Spekulation, dass Raf Simons nun wirklich der neue Modeschöpfer des Hauses Dior werden könnte. Was wiederum den Gerüchten ein Ende setzt, Marc Jacobs könne von Louis Vuitton zu der von Christian Dior gegründeten Marke wechseln, die ebenfalls zu LVMH gehört, dem größten Luxuskonzern der Welt. Und was wohl bedeutet, das Bill Gaytten, bei Dior seit nun schon einem Jahr der Interims-Nachfolger von John Galliano, nach der Schau beim Prêt-à-porter in einer Woche das Pariser Modehaus verlassen muss.

          Die Berufung ist eine abermalige Volte in Raf Simons’ Karriere. Denn der in Neerpelt geborene und in Genk aufgewachsene Dreiundvierzigjährige studierte Industrie- und Möbeldesign. Unter dem Einfluss von Walter van Beirendonck und mit Hilfe von Renzo Loppa gründete er 1995 in Antwerpen eine eigene Männermode-Linie, die er noch heute betreibt - und die schon in den Neunzigern die extrem schmalen Hosen der nuller Jahre vorwegnahm. Der zweite Schwenk seiner Karriere war im Jahr 2005 die Berufung zum Chefdesigner der von ihrer Gründerin verlassenen Marke Jil Sander, für die er an 110 Tagen im Jahr von Antwerpen nach Mailand flog. Denn nun musste der Herrenschneider auch Damenmode machen. Dior wäre ein weiterer großer Schritt, denn dort wird die Herrenmode von dem ebenfalls aus Belgien stammenden Kris Van Assche entworfen. Simons müsste sich also nur um die Frauen kümmern, die natürlich von Prestige und Umsatz weit wichtiger sind - allerdings nicht nur ums Prêt-à-porter, sondern auch um die gerade in diesem Haus äußerst anspruchsvolle Haute Couture.

          Schon früher kritisierte Raf Simons Spannungen bei Jil Sander

          Für die Wahl spricht, dass Raf Simons dem Modehaus von der Avenue Montaigne einen modernen Anstrich geben könnte, den John Galliano durch allzu viele historisierende Kollektionen vermissen ließ. Gleichzeitig hat sich Simons, der vom Street Style kam und im Minimalismus landete, mit Cocktail-, Abend- und sogar Hochzeitskleidern aufgelockert. In letzter Zeit versetzte er sich geradezu in eine New-Look-Stimmung. Man kann gar die Jil-Sander-Kollektion für Frühjahr und Sommer 2012, die kurz nach John Gallianos Dior-Rauswurf entworfen und im September gezeigt wurde, als eine Art Bewerbung für den Dior-Chefposten ansehen.

          Nicht zuletzt war Raf Simons wohl auch der Spannungen bei Jil Sander müde, die sich bei deutscher Herkunft, japanischem Eigentümer, italienischem Management, belgischem Designer und internationaler Klientel automatisch ergeben. Schon vor zweieinhalb Jahren äußerte er sich im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erstmals kritisch über seinen Arbeitgeber. Seitdem ist der Renditedruck dort gewiss nicht geringer geworden. Bei Dior freilich wird er geschäftlich unter den Augen der Tochter des Konzernchefs Bernard Arnault arbeiten - also ebenfalls großem Druck ausgesetzt sein.

          Die Modeleute freuen sich jedenfalls besonders über die Jil-Sander-Nachricht. Jonathan Newhouse, Präsident des amerikanischen Verlags Condé Nast, sagt am Donnerstag: „Seit sie gegangen ist, hat man sie vermisst. Wenn sie jetzt zurückkommt: Sie würde der Mode gut tun.“ Selbst die exzentrischste Fee der Mode, Anna Dello Russo, sieht sich schon in Sanders Minimalismus gekleidet: „Bei mir gibt es keine Grenzen, da bin ich schizophren“, erzählt sie am Donnerstag, gekleidet in einen kristallbesetzten Seidenmantel mit Autodruck von Prada. Es scheint also höchste Zeit zu sein, dass die Rentner wiederkommen.

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