https://www.faz.net/-gum-6xwyg

Jil Sander ist zurück : Dior hoch zwei

Die Berufung ist eine abermalige Volte in Raf Simons’ Karriere. Denn der in Neerpelt geborene und in Genk aufgewachsene Dreiundvierzigjährige studierte Industrie- und Möbeldesign. Unter dem Einfluss von Walter van Beirendonck und mit Hilfe von Renzo Loppa gründete er 1995 in Antwerpen eine eigene Männermode-Linie, die er noch heute betreibt - und die schon in den Neunzigern die extrem schmalen Hosen der nuller Jahre vorwegnahm. Der zweite Schwenk seiner Karriere war im Jahr 2005 die Berufung zum Chefdesigner der von ihrer Gründerin verlassenen Marke Jil Sander, für die er an 110 Tagen im Jahr von Antwerpen nach Mailand flog. Denn nun musste der Herrenschneider auch Damenmode machen. Dior wäre ein weiterer großer Schritt, denn dort wird die Herrenmode von dem ebenfalls aus Belgien stammenden Kris Van Assche entworfen. Simons müsste sich also nur um die Frauen kümmern, die natürlich von Prestige und Umsatz weit wichtiger sind - allerdings nicht nur ums Prêt-à-porter, sondern auch um die gerade in diesem Haus äußerst anspruchsvolle Haute Couture.

Schon früher kritisierte Raf Simons Spannungen bei Jil Sander

Für die Wahl spricht, dass Raf Simons dem Modehaus von der Avenue Montaigne einen modernen Anstrich geben könnte, den John Galliano durch allzu viele historisierende Kollektionen vermissen ließ. Gleichzeitig hat sich Simons, der vom Street Style kam und im Minimalismus landete, mit Cocktail-, Abend- und sogar Hochzeitskleidern aufgelockert. In letzter Zeit versetzte er sich geradezu in eine New-Look-Stimmung. Man kann gar die Jil-Sander-Kollektion für Frühjahr und Sommer 2012, die kurz nach John Gallianos Dior-Rauswurf entworfen und im September gezeigt wurde, als eine Art Bewerbung für den Dior-Chefposten ansehen.

Nicht zuletzt war Raf Simons wohl auch der Spannungen bei Jil Sander müde, die sich bei deutscher Herkunft, japanischem Eigentümer, italienischem Management, belgischem Designer und internationaler Klientel automatisch ergeben. Schon vor zweieinhalb Jahren äußerte er sich im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erstmals kritisch über seinen Arbeitgeber. Seitdem ist der Renditedruck dort gewiss nicht geringer geworden. Bei Dior freilich wird er geschäftlich unter den Augen der Tochter des Konzernchefs Bernard Arnault arbeiten - also ebenfalls großem Druck ausgesetzt sein.

Die Modeleute freuen sich jedenfalls besonders über die Jil-Sander-Nachricht. Jonathan Newhouse, Präsident des amerikanischen Verlags Condé Nast, sagt am Donnerstag: „Seit sie gegangen ist, hat man sie vermisst. Wenn sie jetzt zurückkommt: Sie würde der Mode gut tun.“ Selbst die exzentrischste Fee der Mode, Anna Dello Russo, sieht sich schon in Sanders Minimalismus gekleidet: „Bei mir gibt es keine Grenzen, da bin ich schizophren“, erzählt sie am Donnerstag, gekleidet in einen kristallbesetzten Seidenmantel mit Autodruck von Prada. Es scheint also höchste Zeit zu sein, dass die Rentner wiederkommen.

Weitere Themen

Gangsta-Rapper als Traumjob Video-Seite öffnen

Clankriminalität in Neukölln : Gangsta-Rapper als Traumjob

Für manche Jugendliche ist es attraktiver, Gangsta-Rapper zu werden als eine Ausbildung zu machen, beschreibt F.A.S.-Redakteurin Julia Schaaf die Situation im Berliner Stadtteil Neukölln. Genau da wollen die Behörden ansetzen.

Topmeldungen

Erdgas-Streit mit der EU : „Erdogan fährt eine Kamikaze-Politik“

Die EU-Außenminister haben Sanktionen gegen die Türkei erlassen, weil sie vor der Küste von Zypern nach Gas bohrt. Ökonomieprofessor Erdal Yalcin spricht im F.A.Z.-Interview über die Abhängigkeit Ankaras und den Rückhalt für Erdogan.

Von der Leyen in Straßburg : Flucht nach links

In ihrer Bewerbungsrede ringt Ursula von der Leyen vor allem um die Zustimmung von Sozialdemokraten und Liberalen. Ihre Chancen auf einen Wahlerfolg am Abend dürften gestiegen sein – dank ihres engagierten Auftritts. Eine Analyse.
Bundeskanzler Konrad Adenauer (links) und Ludwig Erhard im September 1963 in Bonn

Nachkriegszeit : Als sich die CDU vom Sozialismus abwandte

Nach dem Krieg forderte die CDU die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien. Dann kam Ludwig Erhard – und mit ihm vor genau 70 Jahren die politische Kehrtwende hin zur Marktwirtschaft.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.