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Jil Sander : Blick zurück nach vorn

Kopf hoch, Schultern gerade: In Zukunft gibt es Jil Sander und "Jil Sander". Die Modeschöpferin verabschiedet sich in Mailand.

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          Am Ende musste Jil Sander ihre Anhängerinnen trösten. Die Schau war vorüber, hinter der Bühne brach Jubel los wie selten, die Modeschöpferin verneigte sich kurz, verschwand hinter der weißen Wand, bis die meisten Fotografen gegangen waren, kam dann wieder nach vorn, um den Moderedakteurinnen aus aller Welt noch einen letzten Blick und einen letzten Kuss zu gönnen. Während manche getreue Weggefährtin zum Taschentuch griff, stand sie lächelnd da, munterte auf, verlor freundliche Worte, tappte einer der Amerikanerinnen vorsichtig auf die Schulter: "Up!"

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Die Tränen kamen nicht von ungefähr. Mit der Kollektion, die sie am Donnerstag im Showroom gegenüber dem Castello in Mailand zeigte, hört Jil Sander auf. Vorläufig zumindest. Vor einem Jahr noch hätte man sich kaum vorstellen können, dass die wichtigste deutsche Modeschöpferin nicht mehr hinter ihrem weltbekannten Markennamen steht. In Zukunft wird es Jil Sander geben und "Jil Sander". Jil Sander bleibt bei sich, "Jil Sander" ist schon Teil eines Modeimperiums. Im vergangenen Sommer hatte Sander 75 Prozent der Stammaktien und 15 Prozent der Vorzugsaktien an Patrizio Bertelli verkauft, den Ehemann der einflussreichen Modeschöpferin Miuccia Prada und Leiter der Prada-Gruppe - wohl in der Hoffnung, die Marke könne schneller wachsen unter dem Dach eines reichen Hauses. Dann trat zur geschäftlichen Verbindung die persönliche Auseinandersetzung, und seit Januar wusste man, dass Jil Sander am Donnerstag auf den Modenschauen für den Herbst und Winter zum letzten Mal "Jil-Sander"-Mode zeigen würde. Natürlich in Mailand. Ausgerechnet Mailand!

          Gedrückte Stimmung

          Die Stimmung vor der Schau war gedrückt. Kaum 200 Besucher verloren sich bei den zwei Präsentationen in den neuen Showroom, der mit der Abschiedsschau eröffnet wurde. Die blonden Damen von Jil Sander versuchten verzweifelt, gute Stimmung zu verbreiten, und im Pressetext hieß es in schöner Doppeldeutigkeit über die Kollektion: "Kopf hoch, Schultern gerade, Blick nach vorn." Nach vorn blickten aber auch die Nachfolge-Gerüchte, die durch den Saal schwirrten. Bertelli umwerbe Hedi Slimane, der angeblich als Designer der Herrenlinie von Yves Saint Laurent aufhört - was immerhin glaubwürdig klingt, da dort nun Gucci-Designer Tom Ford "creative director" ist und keine Götter neben sich dulden wird. Auch sagt man, ein Abgesandter Bertellis habe sich mit dem britischen Designer Hussein Chalayan getroffen. Der Name des aus Belgien stammenden Hermes-Designers Martin Margiela wird genannt. Und, nicht zuletzt: Bertelli und Sander würden sich schon wieder einig werden, und dann gehe es weiter. Aber das ist wohl unwahrscheinlich.

          Jil Sander wird sich, so muss man vermuten (denn sie äußert sich nicht), wohl kaum aus der Mode zurückziehen. Soll sie ganz in Gartengestaltung und Landschaftsarchitektur aufgehen? In der Holsteinischen Schweiz Hortensien züchten und Clematis beim Wachsen zuschauen? Den lieben langen Tag übers Wasser auf das Plöner Schloss hinüberblicken? Das sind schöne Beschäftigungen, aber die Natur war für Jil Sander bisher mehr Inspiration für die Arbeit als Abschied von ihr. Es würde auch lebensgeschichtlich nicht zu der nun 56 Jahre alten Heidemarie Jiline Sander passen. Sie stammt aus kleinen Verhältnissen, zog aus Dithmarschen hinaus in die Welt, machte aus der Heidi eine Jil, um die Mode zu erobern. Schon immer hat sie sich gegen Widerstände durchsetzen müssen, scheiterte in Paris, ließ sich in Mailand feiern, machte unverdrossen weiter: Streng mit sich selbst, zuweilen mit den Mitarbeitern, immer mit ihren Entwürfen.

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