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Jennifer Teege : Ich bin mehr

„Es sind seine Verbrechen, nicht meine“: Jennifer Teege beim Gespräch in Hamburg Bild: Lucas Wahl

Mit 38 Jahren erfährt Jennifer Teege, dass ihr Opa KZ-Kommandant war. Ausgerechnet diese bittere Entdeckung wird für die Frau, die als Kind adoptiert wurde und in Israel studiert hat, zur Befreiung.

          Eigentlich hatte das Schicksal Jennifer Teege schon genug gebeutelt. Ein nigerianischer Vater, den sie kaum kennt. Eine Mutter, die sie mit vier Wochen im Säuglingsheim abgab. Pflegeeltern. Adoption. Depressionen. Immer wieder Therapien.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und plötzlich, mit 38 Jahren, schlendert Teege durch die Hamburger Zentralbibliothek und zieht ein Buch aus dem Regal, das ihr Interesse weckt, zufällig, vielleicht weil die Auseinandersetzung mit ihrem Lebensthema Herkunft gerade in eine neue Runde geht. Der Titel lautet: „Ich muss doch meinen Vater lieben, oder?“

          „Es kam komplett aus dem Nichts“

          Auf dem Cover ist das kleine Foto einer Frau, die ihr merkwürdig bekannt vorkommt. Auf dem Rest des Umschlags, übergroß: der KZ-Kommandant Amon Göth, dessen Sadismus durch den Film „Schindlers Liste“ einem Millionenpublikum vor Augen geführt wurde. Ralph Fiennes in seiner entsetzlichsten Rolle.

          Teege fängt an zu blättern. Am Ende des Buches stößt sie auf eine Liste mit Daten und Fakten. Der Name, der Geburtstag, der Geburtsort – ihrer leiblichen Mutter. Als sie kurz darauf mit dem Buch in der Hand die Bibliothek verlässt, ist sie so schwach, dass sie sich auf eine Parkbank legt. „Es war so unvorbereitet. Es kam komplett aus dem Nichts“, sagt sie. Die Frau mit der dunklen Haut, der Adoptionsgeschichte und den Depressionen, die ausgerechnet in Israel studiert hat, ist die Enkelin des Judenmörders Göth.

          „Auf der einen Seite hab’ ich ein ganz normales Leben“, sagt Jennifer Teege. Die selbstbewusste Frau, die sich im Hamburger Literaturhauscafé ein Glas Assam bestellt, ist Werbetexterin. Sie hat einen erfolgreichen Geschäftsmann geheiratet, zwei Söhne bekommen und eine Weile mit der Familie in Barcelona gelebt. Inzwischen sind die Kinder neun und elf Jahre alt. Selbst mit flachen Schuhen fällt auf, wie groß sie ist, eine zugewandte, natürliche Dreiundvierzigjährige, die jünger aussieht, was nicht nur an den Teenagerhüften liegt. Sie lacht viel, auf eine ungestüme, strahlende Art, die ansteckt. Aber Teege sagt auch: „Es hat fünf Jahre gedauert, an diesen Punkt zu kommen.“

          Die Großmutter: Ruth Irene Göth kurz vor ihrem Suizid Bilderstrecke

          Großes Chaos im Kopf

          Dann erzählt sie, wie sie drei Tage nach dem Zufallsfund in der Bücherei die Einschulung ihres Sohnes feierte und mit den Schwiegereltern essen ging, ohne wirklich anwesend zu sein. Dass sie immerzu schlief und sich wochenlang kaum in der Lage fühlte, einzukaufen oder das Mittagessen zu kochen. Das Chaos in ihrem Kopf war einfach zu groß. „Es stand ja kein Stein mehr auf dem anderen“, sagt Teege. Stattdessen nur Fragen: „Wer weiß davon? Wurde ich betrogen? Und wer bin ich eigentlich?“

          Jennifer Teege fängt an zu recherchieren. Sie stößt auf Interviews ihrer leiblichen Mutter Monika Hertwig, die kein Jahr alt war, als Amon Göth 1946 in Polen als „Schlächter von Płaszów“ zum Tod verurteilt wurde, und die erst als Erwachsene vom Ausmaß der väterlichen Verbrechen erfuhr. Und sie sieht einen Dokumentarfilm, in dem das ehemalige Dienstmädchen ihres Großvaters als ältere Dame in dessen Krakauer Villa zurückkehrt – an den Ort, wo sie tagtäglich der Gewalt und Willkür Göths ausgesetzt war. Teege hat als Studentin in Israel gelebt und sich intensiv mit dem Holocaust beschäftigt. Jetzt berührt sie der Schmerz dieser Frau noch einmal neu. Sie sagt: „Es sind seine Verbrechen, nicht meine Verbrechen. Aber ich bin Teil des Systems. Was mache ich jetzt?“

          Sie steht vor dem Spiegel und forscht nach Ähnlichkeiten mit dem Großvater: diese Linie zwischen Mund und Nase. Könnte sie auch seinen Sadismus geerbt haben? Teege bekommt Angst. Erst mit der Zeit kann sie wieder rational denken. Für so wichtig sie Blutsverwandtschaft auch hält: Sie glaubt nicht an die genetische Weitergabe von Eigenschaften. Das wäre rassistisch, sagt sie.

          Blind für die Verbrechen eines Mannes

          Dafür verzweifelt sie an ihrer Großmutter Ruth Irene Göth, geborene Kalder. Bis zu ihrer Adoption im Alter von sieben Jahren war Teege manchmal bei ihrer Großmutter, wenn die Mutter sie am Wochenende aus dem Kinderheim oder der Pflegefamilie holte. Ausgerechnet diese einzige Person aus ihrer leiblichen Familie, bei der sie sich geborgen und sicher fühlte, war blind für die Verbrechen eines Mannes, der seine Doggen auf Menschen hetzte. Bis zu ihrem Selbstmord 1983 hing sein Bild über ihrem Bett.

          „Das ist untragbar“, sagt Teege mit einer Klarheit, die keinen Zweifel kennt. Die warmen Gefühle für die Großmutter hat sie trotzdem nicht begraben. Und sie findet das heute, nach langer Auseinandersetzung, legitim. Von den Kindern prominenter Nazi-Täter weiß man, wie das Vermächtnis der Schuld auch das Leben der Nachgeborenen überschatten kann. Teeges leibliche Mutter ist dafür nur ein Beispiel. Aber Teege selbst ist Teil der dritten Generation. Und dank der Adoption erwischt die nationalsozialistische Familienhypothek sie zu einem Zeitpunkt, da sie von sich sagen kann: „Ich bin viel mehr als diese Geschichte.“

          Teege ist nach Krakau gefahren. Um den Opfern ihres Großvaters die Ehre zu erweisen, hat sie an der Gedenkstätte für das Konzentrationslager Płaszów Blumen niedergelegt. Aber die größere Herausforderung ist der neue Blick auf die eigene Kindheit.

          Ein gefährlicher Weg

          Auf dem Tisch des Hamburger Literaturhauscafés liegt ein typisches Siebziger-Jahre-Foto, eine Spur unscharf, eine Spur zu gelb. Drei lachende Kinder sitzen auf einem Hochbett und lassen die Beine baumeln. Alle drei tragen Schlafanzüge und Nachthemden aus dem gleichen Stoff, unterschiedlich breite Streifen in Rot-Blau-Weiß. „Da sieht man, da war ganz viel gut“, sagt Teege.

          Ihr war immer bewusst, dass die Adoption durch ihre Pflegeeltern ein Glücksfall war. Während die leibliche Mutter in armseligen Verhältnissen lebte und einen gewalttätigen Mann geheiratet hatte, wurde Jennifer Teege in einem gutbürgerlichen Vorort von München groß. Ein Haus mit Garten, Urlaube und die Gewissheit einer Akademikerfamilie, dass man aufs Gymnasium gehen und anschließend studieren werde. Die Adoptiveltern legten Wert darauf, die drei Kinder gleich zu behandeln, „unsere Tochter“ nannten sie Teege. Die Adoption wurde darüber zum Tabu. „Bei uns wurde versucht, dass alles so ist wie in einer Normalfamilie. Die Idee war, dass ich mich nicht anders fühle“, sagt Teege. „Das war, wenn man es von heute aus betrachtet, ein gefährlicher Weg.“

          Vielleicht liegt es an ihrer Therapieerfahrung, dass Teege selbst über die emotionale Verwicklungen von Adoptivkindern schlüssig und lebensnah reden kann: Kinder, die so früh von ihren Eltern weggeben würden, verlören ihr Grundvertrauen. Insofern habe sie lange das Gefühl gehabt, um ihren Platz in der Adoptivfamilie kämpfen zu müssen. Aber auch später habe sie sich nie getraut, den schönen Schein der Normalität in Frage zu stellen, weil sie niemanden verletzen wollte und womöglich als undankbar gegolten hätte. Dabei reicht ein kurzer Blick auf das Hochbett-Foto, um zu sehen, dass hier keine leiblichen Geschwister sitzen: Die beiden Jungs wirken zart und blass. Die Adoptivschwester aber als Jüngste im Trio überragt die anderen und hat diese dunkle Haut.

          Kontaktabbruch nach erstem Treffen mit leiblicher Mutter

          Jennifer Teege macht niemandem einen Vorwurf. Sie weiß, dass sich die Adoptiveltern alle Mühe gaben und ihr Bestes wollten. Anders als heute sei ein transparenter Umgang mit dem Thema Adoption damals nicht üblich gewesen. Die Entdeckung des Buches und damit ihrer Familiengeschichte führte zunächst zu einer Entfremdung. Teege konnte ihre Adoptiveltern einfach nicht mehr „Mama“ und „Papa“ nennen. Sie empfindet die Wahrheit als Befreiung.

          Eines Tages schließlich fühlt sie sich gewappnet, ihre leibliche Mutter zu kontaktieren. Es kommt zu einer ersten, durchaus herzlichen Begegnung, bei der viel über die Nazi-Familie und nicht über die Adoption geredet wird, gefolgt von einem kurzen Wiedersehen am Grab der Großmutter. Dann bricht der Kontakt ab.

          In dem Buch, das Teege zusammen mit einer Journalistin über ihre Spurensuche geschrieben hat, gibt es Passagen, die diese Annäherung und ihr Scheitern beschreiben. Darin wird auf schmerzliche Weise deutlich, wie Teeges Mutter bis heute nur um die Vergangenheit und ihre eigene Belastung kreist. Für die Gefühle und die Bedürfnisse ihrer Tochter, die sie so früh weggeben hat, hat diese Frau bis heute offenbar kein Gespür. „Es ist jetzt so, wie es ist“, sagt Teege. Man spürt, dass sie sich zusammenreißt.

          „Meine Tür ist offen“

          Nicht, dass sie sich gewünscht hätte, im Alter von vierzig Jahren eine Mutter wiederzufinden, „das wäre ja wirklich albern“. Auch von ihrer ewigen, aus frühester Kindheit stammenden Angst vor Ablehnung fühlt sie sich inzwischen so frei, dass es nur ein paar Therapiestunden brauchte, um mit dieser neuerlichen Zurückweisung ihrer Mutter umzugehen. Und trotzdem. Irgendeine Form der Beziehung unter erwachsenen Frauen habe sie sich doch erhofft. Teege sagt: „Meine Tür ist offen.“

          Kürbissuppe. Das Gespräch im Hamburger Literaturhauscafé dauert fast vier Stunden, zwischendrin sind in der spätklassizistischen Villa mit Blick auf die Außenalster Fotos entstanden. Jennifer Teege erzählt von ihrer besten Freundin, einer israelischen Drehbuchautorin, die es nie wagen würde, eine so unwahrscheinliche Geschichte wie die ihre zu erfinden.

          Als das Magazin „Stern“ zum ersten Mal in Erwägung zog, ihre Reise in die Vergangenheit zu begleiten, woraus später das Buchprojekt entstand, musste Teege noch ihre Geburtsurkunde mit dem Eintrag „Jennifer Göth“ vorlegen. Trotzdem sagt Teege heute mit einem entspannten Lächeln: „Ich muss mich nicht versöhnen mit meinem Schicksal. Ich möchte nicht tauschen.“

          Identität als Navigationssystem

          Sie hat verstanden, dass ihre Mutter sie damals weggegeben hat, weil sie selbst an ihrem Los zerbrach und ihr deshalb keine Mutter sein konnte. „Das war tröstlich.“ Die Beziehung zu ihrer Adoptivfamilie ist inzwischen wieder sehr eng. Und die Depressionen oder das, was nach den Therapien davon geblieben war, diese chronische Niedergeschlagenheit, Erschöpfungszustände ob der Anstrengungen des Daseins – alles weg. „Ich wache auch nicht jeden Tag auf, und das Leben ist super“, sagt Teege. Aber damals, mit dem Buch auf der Bank vor der Bibliothek, habe sie schon geahnt, dass sie einen Schatz in den Händen hielt, der ihr den Zugang zu den Leerstellen ihrer Biographie bahnen würde. Heute habe sie einen inneren Halt. Identität als Navigationssystem.

          Die Frage „Wer bin ich?“ habe sich ihr schon immer besonders zwingend, manchmal quälend gestellt. Eine Antwort darauf sei aber für alle Menschen wichtig. „Ich glaube, nur wenn man sich selbst findet, kann man das Leben finden, das für einen richtig ist“, sagt Teege. Es klingt erstaunlich leicht.

          Jennifer Teege/Nikola Sellmair: „Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen“, Rowohlt, 19,95Euro.

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