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Jennifer Teege : Ich bin mehr

Eines Tages schließlich fühlt sie sich gewappnet, ihre leibliche Mutter zu kontaktieren. Es kommt zu einer ersten, durchaus herzlichen Begegnung, bei der viel über die Nazi-Familie und nicht über die Adoption geredet wird, gefolgt von einem kurzen Wiedersehen am Grab der Großmutter. Dann bricht der Kontakt ab.

In dem Buch, das Teege zusammen mit einer Journalistin über ihre Spurensuche geschrieben hat, gibt es Passagen, die diese Annäherung und ihr Scheitern beschreiben. Darin wird auf schmerzliche Weise deutlich, wie Teeges Mutter bis heute nur um die Vergangenheit und ihre eigene Belastung kreist. Für die Gefühle und die Bedürfnisse ihrer Tochter, die sie so früh weggeben hat, hat diese Frau bis heute offenbar kein Gespür. „Es ist jetzt so, wie es ist“, sagt Teege. Man spürt, dass sie sich zusammenreißt.

„Meine Tür ist offen“

Nicht, dass sie sich gewünscht hätte, im Alter von vierzig Jahren eine Mutter wiederzufinden, „das wäre ja wirklich albern“. Auch von ihrer ewigen, aus frühester Kindheit stammenden Angst vor Ablehnung fühlt sie sich inzwischen so frei, dass es nur ein paar Therapiestunden brauchte, um mit dieser neuerlichen Zurückweisung ihrer Mutter umzugehen. Und trotzdem. Irgendeine Form der Beziehung unter erwachsenen Frauen habe sie sich doch erhofft. Teege sagt: „Meine Tür ist offen.“

Kürbissuppe. Das Gespräch im Hamburger Literaturhauscafé dauert fast vier Stunden, zwischendrin sind in der spätklassizistischen Villa mit Blick auf die Außenalster Fotos entstanden. Jennifer Teege erzählt von ihrer besten Freundin, einer israelischen Drehbuchautorin, die es nie wagen würde, eine so unwahrscheinliche Geschichte wie die ihre zu erfinden.

Als das Magazin „Stern“ zum ersten Mal in Erwägung zog, ihre Reise in die Vergangenheit zu begleiten, woraus später das Buchprojekt entstand, musste Teege noch ihre Geburtsurkunde mit dem Eintrag „Jennifer Göth“ vorlegen. Trotzdem sagt Teege heute mit einem entspannten Lächeln: „Ich muss mich nicht versöhnen mit meinem Schicksal. Ich möchte nicht tauschen.“

Identität als Navigationssystem

Sie hat verstanden, dass ihre Mutter sie damals weggegeben hat, weil sie selbst an ihrem Los zerbrach und ihr deshalb keine Mutter sein konnte. „Das war tröstlich.“ Die Beziehung zu ihrer Adoptivfamilie ist inzwischen wieder sehr eng. Und die Depressionen oder das, was nach den Therapien davon geblieben war, diese chronische Niedergeschlagenheit, Erschöpfungszustände ob der Anstrengungen des Daseins – alles weg. „Ich wache auch nicht jeden Tag auf, und das Leben ist super“, sagt Teege. Aber damals, mit dem Buch auf der Bank vor der Bibliothek, habe sie schon geahnt, dass sie einen Schatz in den Händen hielt, der ihr den Zugang zu den Leerstellen ihrer Biographie bahnen würde. Heute habe sie einen inneren Halt. Identität als Navigationssystem.

Die Frage „Wer bin ich?“ habe sich ihr schon immer besonders zwingend, manchmal quälend gestellt. Eine Antwort darauf sei aber für alle Menschen wichtig. „Ich glaube, nur wenn man sich selbst findet, kann man das Leben finden, das für einen richtig ist“, sagt Teege. Es klingt erstaunlich leicht.

Jennifer Teege/Nikola Sellmair: „Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen“, Rowohlt, 19,95Euro.

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