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Jennifer Teege : Ich bin mehr

Blind für die Verbrechen eines Mannes

Dafür verzweifelt sie an ihrer Großmutter Ruth Irene Göth, geborene Kalder. Bis zu ihrer Adoption im Alter von sieben Jahren war Teege manchmal bei ihrer Großmutter, wenn die Mutter sie am Wochenende aus dem Kinderheim oder der Pflegefamilie holte. Ausgerechnet diese einzige Person aus ihrer leiblichen Familie, bei der sie sich geborgen und sicher fühlte, war blind für die Verbrechen eines Mannes, der seine Doggen auf Menschen hetzte. Bis zu ihrem Selbstmord 1983 hing sein Bild über ihrem Bett.

„Das ist untragbar“, sagt Teege mit einer Klarheit, die keinen Zweifel kennt. Die warmen Gefühle für die Großmutter hat sie trotzdem nicht begraben. Und sie findet das heute, nach langer Auseinandersetzung, legitim. Von den Kindern prominenter Nazi-Täter weiß man, wie das Vermächtnis der Schuld auch das Leben der Nachgeborenen überschatten kann. Teeges leibliche Mutter ist dafür nur ein Beispiel. Aber Teege selbst ist Teil der dritten Generation. Und dank der Adoption erwischt die nationalsozialistische Familienhypothek sie zu einem Zeitpunkt, da sie von sich sagen kann: „Ich bin viel mehr als diese Geschichte.“

Teege ist nach Krakau gefahren. Um den Opfern ihres Großvaters die Ehre zu erweisen, hat sie an der Gedenkstätte für das Konzentrationslager Płaszów Blumen niedergelegt. Aber die größere Herausforderung ist der neue Blick auf die eigene Kindheit.

Ein gefährlicher Weg

Auf dem Tisch des Hamburger Literaturhauscafés liegt ein typisches Siebziger-Jahre-Foto, eine Spur unscharf, eine Spur zu gelb. Drei lachende Kinder sitzen auf einem Hochbett und lassen die Beine baumeln. Alle drei tragen Schlafanzüge und Nachthemden aus dem gleichen Stoff, unterschiedlich breite Streifen in Rot-Blau-Weiß. „Da sieht man, da war ganz viel gut“, sagt Teege.

Ihr war immer bewusst, dass die Adoption durch ihre Pflegeeltern ein Glücksfall war. Während die leibliche Mutter in armseligen Verhältnissen lebte und einen gewalttätigen Mann geheiratet hatte, wurde Jennifer Teege in einem gutbürgerlichen Vorort von München groß. Ein Haus mit Garten, Urlaube und die Gewissheit einer Akademikerfamilie, dass man aufs Gymnasium gehen und anschließend studieren werde. Die Adoptiveltern legten Wert darauf, die drei Kinder gleich zu behandeln, „unsere Tochter“ nannten sie Teege. Die Adoption wurde darüber zum Tabu. „Bei uns wurde versucht, dass alles so ist wie in einer Normalfamilie. Die Idee war, dass ich mich nicht anders fühle“, sagt Teege. „Das war, wenn man es von heute aus betrachtet, ein gefährlicher Weg.“

Vielleicht liegt es an ihrer Therapieerfahrung, dass Teege selbst über die emotionale Verwicklungen von Adoptivkindern schlüssig und lebensnah reden kann: Kinder, die so früh von ihren Eltern weggeben würden, verlören ihr Grundvertrauen. Insofern habe sie lange das Gefühl gehabt, um ihren Platz in der Adoptivfamilie kämpfen zu müssen. Aber auch später habe sie sich nie getraut, den schönen Schein der Normalität in Frage zu stellen, weil sie niemanden verletzen wollte und womöglich als undankbar gegolten hätte. Dabei reicht ein kurzer Blick auf das Hochbett-Foto, um zu sehen, dass hier keine leiblichen Geschwister sitzen: Die beiden Jungs wirken zart und blass. Die Adoptivschwester aber als Jüngste im Trio überragt die anderen und hat diese dunkle Haut.

Kontaktabbruch nach erstem Treffen mit leiblicher Mutter

Jennifer Teege macht niemandem einen Vorwurf. Sie weiß, dass sich die Adoptiveltern alle Mühe gaben und ihr Bestes wollten. Anders als heute sei ein transparenter Umgang mit dem Thema Adoption damals nicht üblich gewesen. Die Entdeckung des Buches und damit ihrer Familiengeschichte führte zunächst zu einer Entfremdung. Teege konnte ihre Adoptiveltern einfach nicht mehr „Mama“ und „Papa“ nennen. Sie empfindet die Wahrheit als Befreiung.

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