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Jahrestag-Reaktion : „Das Gefühl der Traurigkeit wird überwältigend sein“

  • Aktualisiert am

Mit dem Herannahen des Jahrestages des 11. Septembers wächst die Zahl von Albträumen, Tränenausbrüchen, "Flashbacks" und grundlosen Streits.

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          Am bevorstehenden Jahrestag der Anschläge vom 11. September dürften viele Menschen vor allem in den USA die Schrecken dieses Tages nochmals durchleben. „In den USA könnte eine Massendepression auftreten", glaubt Michael Nuccitelli von der SLS Health Psychiatric Facility in Brewster, New York, der unter anderem Familien von Opfern betreut. „Wir werden Trauer als eine Nation erfahren - entsprechend der Tatsache, dass es einen Massen-Schock gab", fügt Nuccitelli hinzu.

          Mit dem Herannahen des Jahrestages der Anschläge auf das World Trade Center ("WTC") und das Pentagon häufen sich nach Kenntnissen von Psychologen Albträume, Tränenausbrüche, „Flashbacks“ und grundlose Streits. Zahlreiche Amerikaner durchlebten die Schrecken unbewusst erneut, sagen Experten.

          In Deutschland rechnen die Experten indes nicht mit einer solch massenhaften und einschneidenden Reaktion auf den 11. September 2001 wie in Amerika und hier insbesondere New York. Vor allem direkt betroffene oder psychisch ohnehin labile Menschen könnten allerdings auch hier zu Lande den Schock nochmals durchleben.

          Selbsthilfegruppen zur Bewältigung der Jahrestag-Reaktionen

          Psychologen sprechen mit Blick auf den sich in wenigen Tagen erstmals jährenden „September 11th.“ von der so genannten „Jahrestag-Reaktion". Bei diesem Phänomen leben traumatische Ereignisse aus der Vergangenheit wieder auf. Der Auslöser kann alles sein, von einer Jahreszeit, in der das Trauma stattfand, bis hin zu einem bestimmten Tag oder einer Uhrzeit.

          "Eine Mutter, die ihre Tochter im WTC verlor, rief mich unter Tränen an. Ihre Albträume nehmen zu, sie hat Flashbacks und ihre Arbeit leidet darunter", schildert Psychologie-Professorin Anie Kalayjian die Auswirkungen der „Jahrestag-Reaktion". Selbsthilfegruppen, Jahrestag-Treffen und Memorials könnten diese Angstzustände aktiv verhindern und dabei helfen, die Gefühle zu verarbeiten.

          Zentrum des Post-Traumas wird wohl New York sein, wo vor einem Jahr rund 3.000 Menschen beim Einsturz der beiden WTC-Türme ums Leben kamen. So besagt eine Studie, dass Ende vergangenen Jahres der posttraumatische Stress in New York mit 11,2 Prozent fast drei Mal so hoch war wie im Rest des Landes.

          Globale Trauer - Fernsehbilder rufen Erinnerungen wach

          Auch wenn sicherlich vor allem die US-Amerikaner den Jahrestag des 11. September besonders stark Revue passieren lassen dürften, glaubt Professorin Kalayjian, dass die gesamte Weltgemeinschaft das Ereignis nochmals miterleben wird. „Das Gefühl der Traurigkeit wird überwältigend sein.“ Deutschland dürfte bei der globalen „Jahrestag-Reaktion“ keine Ausnahme machen, auch wenn die Experten hier geteilter Meinung sind. „Menschen in Deutschland, von 12-jährigen Kindern bis zu 60-jährigen
          Frauen, haben mir gesagt, was sie in dem Moment getan oder gegessen haben, was sie in ihrer Hand gehalten haben", schildert Kalayjian. Die Erinnerungen seien sehr präzise gewesen, was auf einen tiefen Eindruck schließen lasse.

          Isabella Heuser, Direktorin der Psychiatrischen Klinik der Freien Universität Berlin, sieht hingegen keine durch die Anschläge bedingten psychischen Schäden in der deutschen Bevölkerung. „Deutsche sind nicht traumatisiert worden wie die Amerikaner", sagt sie. Denn entscheidend für posttraumatische Störungen sei die persönliche und räumliche Betroffenheit.

          Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit

          Fabian Schneider, Leiter des Münsteraner Instituts der auf Angststörungen spezialisierten Christoph-Dornier-Stiftung, glaubt ebenfalls nicht an ein Massenphänomen in Deutschland. „Aber es gibt auch hier Menschen, die direkt oder indirekt durch Freunde oder Verwandte von den Anschlägen auf das WTC betroffen waren.“ Sie könnten durchaus unter einer Jahrestags-Reaktion leiden. Auch könne sich der Jahrestag auf Menschen auswirken, die bereits vor den Anschlägen unter einer Angststörung litten.

          „In meinen Behandlungen spielt der 11. September eine große Rolle", bestätigt Wolfgang Milch, Professor für Psychosomatik und Psychotherapie an der Universität Gießen und leitender Oberarzt der dortigen Klinik. Das beträfe besonders Menschen, die frühere Traumata wie Kriegserlebnisse, Unfälle oder Missbrauch hinter sich
          hätten. „Durch die Fernsehbilder können diese Erfahrungen reaktiviert werden", erklärt Milch. Denn sie verursachten ebenso wie die früheren Ereignisse ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Menschen, die sensibel reagierten, sollten seiner Ansicht nach das Fernsehen lieber aus lassen.

          Mainhatten

          Besonders in Frankfurt sei eine Reaktion zum Jahrestag des 11. September wahrscheinlich, sagt Professor Milch, der zum Zeitpunkt der Anschläge an der Frankfurter Uni arbeitete. „Als 'Mainhatten' mit engen Verbindungen von Industrie und Banken zu den USA ist die Stadt prädisponiert.“ Schließlich habe Frankfurt auch direkt nach den Anschlägen hochsensibel reagiert, beispielsweise mit der teilweisen Evakuierung des Messeturms und der Straßensperrung um die US-Botschaft.


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