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Rechte von Homosexuellen : Die volle Vaterschaft

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Unklare Rechtslage für Homosexuelle: Was geschieht mit Kindern aus einer Leihmutterschaft? Bild: Picture-Alliance

Es herrscht Unsicherheit in Italien zum Thema Leihmutterschaft. Die juristische Elternschaft von Hunderten von Kindern ist nach wie vor ungeklärt. Ein Gericht in Trient könnte nun die entscheidende Wende bringen.

          Zwei widersprüchliche Urteile zur Leihmutterschaft beunruhigen Italien und dokumentieren die Unfähigkeit der Politik, Rechtssicherheit zu schaffen. Ein Jahr nachdem es beiden Kammern des Parlaments in Rom im Streit zwischen der katholischen Kirche und Pro Familia auf der einen sowie homosexuellen Gruppen auf der anderen Seite nicht gelungen war, die An- oder Aberkennung einer nichtbiologischen Elternschaft gesetzlich zu regeln, urteilte jetzt ein Berufungsgericht im norditalienischen Trient, zwei homosexuelle Männer dürften als Väter eines mittlerweile sieben Jahre alten Zwillingspaars eingetragen werden, das in Kanada geboren wurde.

          Im Januar hatte dagegen der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg das Urteil eines Jugendgerichts in Campobasso in der süditalienischen Provinz Molise von 2015 bestätigt, wonach das 2010 von einer Leihmutter in Moskau ausgetragene Kind nicht als Sprössling der Auftraggeber eingetragen werden dürfe. Vielmehr sei es gerechtfertigt, das „Findelkind“ des heterosexuellen Paares bei seiner neuen Pflegefamilie zu belassen, die sich inzwischen um das Kind kümmert. Beiden Urteilen ist eines gemeinsam: Die Richter stellten das Kindeswohl ins Zentrum.

          Es soll mehrere hundert Kinder in Italien geben, deren Elternschaft juristisch „ungeklärt“ ist, die gleichwohl bei meist gleichgeschlechtlichen Paaren aufwachsen. So wie der mittlerweile ein Jahr alte „Sohn“ von Nichi Vendola, einem der bekanntesten Homosexuellen Italiens. Der ehemalige Präsident der Region Apulien von der sozialistischen Partei „Linke-Ökologie-Freiheit“ (SEL) hatte einst noch in Kanada das von einer amerikanischen Leihmutter ausgetragene Kind seines Lebenspartners Ed adoptiert. „Seither leben wir drei hier in Bari in Unsicherheit“, sagte der Katholik Vendola jetzt. Er begrüßte denn auch das Urteil von Trient als „Fenster in Richtung Leben“, solange Italien die Leihmutterschaft verbiete.

          Freude bei homosexuellen Paaren über das Urteil

          Tatsächlich können homosexuelle oder heterosexuelle Paare, die sich ihren Kinderwunsch nicht auf natürlichem Weg erfüllen können, nur im Ausland eine Leihmutter suchen. Denn das italienische Gesetz Nummer 40 von 2004 stellt bis heute gültig fest: „Wer, auf welche Art auch immer, Handel mit Eizellen oder Embryonen betreibt, wer eine Leihmutterschaft realisiert, organisiert oder bewirbt, kann mit Gefängnis zwischen drei Monaten und zwei Jahren sowie mit einer Strafe von 600.000 bis zu einer Million Euro belegt werden.“ Bisher wurde das Gesetz allerdings noch nie angewandt.

          Mit dem Schwulenpaar freuen sich viele andere Paare über das Urteil der zweiten Instanz in Trient, die jetzt feststellte, das von kanadischen Behörden ausgegebene Dokument zur Vaterschaft der beiden homosexuellen Männer gelte auch in Italien. Der Umstand, dass es keine genetische Beziehung zwischen einem der beiden und den mittlerweile sieben Jahre alten Kindern gebe, sei dabei kein Hindernis. Vaterschaft gebe es nämlich nicht nur im biologischen Sinn. Vater sei auch eine Person, die den unbestreitbaren Willen habe, ein Kind in Sicherheit großzuziehen.

          „Gefühlsmäßige Bindung zur neuen Familie“

          Das Urteil öffnet der Politik neue Freiräume. Im vergangenen Jahr hatte das EU-Mitglied Italien zwar die gleichgeschlechtliche Partnerschaft anerkannt. Doch konnten sich die Politiker nicht auf ein Adoptionsrecht für den nichtbiologischen Partner einigen. Die Richter in Trient stellten dazu fest, der Partner, der ohne eine solche Bindung zu den Zwillingen sei, habe die Zwillinge gar nicht adoptieren müssen. Vielmehr seien die Geburt sowie die Erziehung der Kinder von vornherein Absicht beider Partner gewesen. Für beide gelte mithin die „volle Vaterschaft“.

          Bald sechs Jahre alt ist mittlerweile der Junge in Italiens Süden, den das heterosexuelle Ehepaar 2011 in Moskau austragen ließ. Daheim in Campobasso wurden die Adoptionspapiere des Paars aber nie anerkannt. Grundlage dafür war nicht nur die Rechtswidrigkeit der Leihmutterschaft, sondern auch der Umstand, dass weder die DNA des Manns noch der Frau im Kind gefunden wurde. So kam der Junge in eine Pflegefamilie und soll dort auch bleiben. Denn er hat „inzwischen zweifelsfrei eine gefühlsmäßige Bindung zur neuen Familie“, bestätigte Straßburg ein entsprechendes italienisches Urteil.

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