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Beschneidung : Ein Schnitt ins Leben

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Jeder will dabei sein: Für mindestens zwölf der 13 Menschen auf diesem Foto ist die Beschneidung ein Fest Bild: Cigdem Akyol

Diese Operationen sind in der Türkei ein Grund für Familienfeste: Zu Besuch im Istanbuler Beschneidungspalast.

          Gleich wird es blutig. Dann müssen die sieben Jungs im weißen Prinzenkostüm und mit turbanähnlichem Hut auf dem Kopf zu dem Mann mit dem Skalpell, einer nach dem anderen. Während ihre Eltern ihnen auf der Bühne die kleinen Hände halten, zieht ihnen der Beschneider die Hose herunter. Die Jungs schauen stolz und unsicher zugleich, als sich der glatzköpfige Mann mit dem tätowierten Unterarm über ihren entblößten Schoß beugt. Endlich sind der Clown, der Sänger und der Keyboardspieler einmal still. Nur ein dicker Imam auf der Bühne spricht ein Gebet, Mütter weinen still. Es riecht nach Desinfektionsmittel und verbranntem Fleisch.

          Alltag für Levend Özkan, der in einem weißen Kittel an der Eingangstür des kreisrunden fensterlosen Saales steht. An einem Sonntag gegen 14 Uhr schaut er sich das Spektakel lächelnd an. Er ist hier aufgewachsen, zwischen dem Kitsch, den aufgeregten Familien und dem kleinen OP-Raum. „Für mich ist all das hier ganz normal“, sagt er leise. „Noch vor meinem Medizinstudium habe ich hier alles Wichtige für meinen Beruf gelernt.“

          Vorhäute im Akkord wegschneiden

          Der Urologe hat noch etwas Zeit, bis er mit seiner Arbeit an der Reihe ist. Der Vierzigjährige ist zuständig für den allerletzten Schritt, für die Naht. Der Mann oben auf der Bühne, der unter dem Neonlicht im Akkord Vorhäute wegschneidet, ist sein älterer Bruder Murat, ein Betriebswirt. Den beiden gehört das „Sünnet Sarayi“ - der „Beschneidungspalast“ im Istanbuler Nobelviertel Levent, ein unauffälliges Gebäude neben zwei schwer bewachten arabischen Konsulaten. In der Branche sind die Brüder die Stars schlechthin, mit Beschneidungspartys für Kinder sind sie berühmt geworden. Jeden Tag werden bis zu 20 Jungens hier operiert.

          Den Ruhm aufgebaut hat ihr Vater Kemal Özkan, der Anfang des Jahres gestorben ist. Von dem dicken, bärtigen Patriarchen wird jetzt deswegen vor jeder Beschneidungsparty auf einer großen Leinwand ein Video gezeigt, in dem er seine lange Karriere lobt. Ein von Liebe und Güte gellender Monolog. Der Mann sah sich zeitlebens als Skalpell-Virtuose.

          Über 115.000 Operationen

          Tatsächlich ist Kemal Özkan der bekannteste „Sünnetci“ - also Beschneider - der Republik, vielleicht war er auch der leidenschaftlichste. Der Krankenpfleger war ein Mann, der den Pomp liebte, die Nähe zum Glamour suchte und die Selbstvermarktung perfekt beherrschte; Kameras waren seine ständigen Begleiter. Den Erfolg hat er, wenn man so will, auch seinem Größenwahn zu verdanken. An einem einzigen Tag, so erzählte er in Interviews immer und immer wieder, habe er 150 Kindern die Eichel freigelegt.

          Kein anderer hat nach eigenen Angaben so viele Prominente behandelt wie er, zum Beispiel den Enkel seines Freundes, des einstigen Präsidenten Turgut Özal. Er beschnitt in Fußballstadien vor Tausenden Menschen, 2002 legte er in Afghanistan bei einer Beschneidungsfeier von türkischen Isaf-Soldaten Hand an.

          Über 115 000 Operationen will er durchgeführt haben, „von Anatolien über Deutschland bis nach Mexiko“. Natürlich hat Kemal Özkan auch seinen ältesten Sohn Murat beschnitten. Der damals Siebenjährige musste anschließend seinen fünfjährigen Bruder Levend beschneiden - 1500 Neugierige schauten dabei zu. „Daran war für uns Kinder nichts Außergewöhnliches“, sagt Levend Özkan leicht lächelnd.

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