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Beschneidung : Ein Schnitt ins Leben

  • -Aktualisiert am

Im Namen Gottes, des Barmherzigen

Dann marschieren der Clown und die Jungens zu der kleinen Eisenbahn mit den Sitzen in Form von Fußbällen, die einmal um die Tanzfläche herumrattert. Die Kinder kreischen in die anschwellende Begeisterung hinein, sie scheinen vergessen zu haben, warum sie eigentlich hier sind. Jedenfalls bis die Eisenbahn anhält. Dann müssen sie auf der Bühne ihre Hosen runterlassen, bekommen von Murat eine Betäubungsspritze in die Peniswurzel und torkeln benommen auf die Sitze zurück.

Da hilft es wenig, wenn die Eltern applaudieren und der Clown nach jedem Einstich jubelt: „Er wird mal Ministerpräsident!“ Einige der Kinder können sich die Tränen nicht verkneifen. Sie schauen hilfesuchend von der Bühne herunter. Aber die Mütter haben sich rasch Kopftücher umgebunden und sind in Gebete versunken. Die Arme leicht ausgebreitet, mit den geöffneten Handflächen nach oben. Gemurmelt ist das arabische „Bismillahirrahmanirrahim“ - im Namen Gottes, des Barmherzigen - zu hören. Die Väter halten verzückt die Handykameras hoch. Das Geschehen wird über mehrere Monitore im ganzen Raum gezeigt.

Körperverletzung oder nicht?

Wer in der Türkei ein Mann sein will, muss den Militärdienst absolvieren, heiraten und beschnitten sein. Wer es nicht ist, gilt als so seltsam wie ein atheistischer Schweinefleischliebhaber vom Mars. Deswegen kommen auch erwachsene Männer zu den Özkans. Eine Beschneidungsdebatte, wie es sie in Deutschland gab, hat es in der Türkei nie gegeben. „Ein sehr schwieriges Thema“, kommentiert Levend Özkan ganz diplomatisch die deutsche Diskussion. „Aber die Beschneidung ist bei einer ordentlichen Durchführung keine Körperverletzung.“

Als im Mai 2012 das Kölner Landgericht die Beschneidung bei einem vierjährigen muslimischen Jungen als Körperverletzung wertete, rief das Proteste vor allem von muslimischen Verbänden und dem Zentralrat der Juden hervor. Im Judentum ist die Beschneidung das zentrale Zeichen des Bundes zwischen dem Volk Israel und Gott. Im Islam wird sie als Teil der Sunna, der vom Propheten Mohammed überlieferten Tradition, betrachtet. Einen festen Zeitpunkt für die Beschneidung gibt es im Islam nicht, sie findet aber meist vor der Geschlechtsreife statt. In Deutschland bleiben solche Eingriffe nur erlaubt, sofern bestimmte Voraussetzungen eingehalten werden.

Poyraz muss sich wieder mit herabgelassener Hose vor Murat Özkan setzen. Ob er sich schämt oder fürchtet, das ist hier jedem egal. Ängstlich schaut er nach unten. Während die Verwandtschaft drum herum steht, wird ihm innerhalb weniger Sekunden mit den tausendfach geübten Handgriffen die Vorhaut weggeschnitten und in den Mülleimer geworfen. Poyraz gibt keinen Laut von sich. Seine kleine Schwester lässt ein „öfföfföff“ hören: „igittigitt“. „Masallah!“ - „Wunderbar!“ - freut sich der Clown, bläst in seine Trillerpfeife und ruft: „Hoffentlich wird er ein Präsident!“

Die Nächsten stehen schon bereit

Hose hoch: Der Junge bekommt für seine Tapferkeit eine Medaille mit dem Bild des Republikgründers Kemal Atatürk umgehängt, es wird geklatscht. Dann eilt die Familie für ein Gruppenfoto auf die Tanzfläche. Glitzerndes Konfetti regnet von oben herab, Murat Özkan hält seinen ermatteten Patienten im Arm. Schnell muss Poyraz in den kleinen OP-Raum nach nebenan, wo sich der Urologe Levend um die Wunde kümmert. Und während er Poyraz verarztet, wird schon der nächste Junge auf der Bühne operiert.

Nach zwei Stunden ist das Spektakel vorüber. Es ist geschafft. Die Kinder humpeln an den Händen ihrer zufrieden lächelnden Eltern hinaus, während die Kellner drinnen rasch die Tische säubern, der Clown eine Zigarette raucht, der Imam in einem Hinterzimmer pausiert. Die nächsten aufgeregten sieben Familien mit ihren Söhnen im weißen Prinzenkostüm und einem turbanähnlichen Hut stehen schon am Eingang.

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