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Gesellschaft : Wo ist nur die Weisheit hin?

Gilt als ausge­sprochen weiser Vogel: die Eule. Wahr­scheinlich deshalb, weil sie – anders als etwa der Papagei – nie etwas sagt. Bild: plainpicture/NaturePL/Lucas Bustamante

Lang ist es her, dass Helmut Schmidt uns die Welt erklärte. Wer gilt heute noch als weise, wer hält sich selbst dafür? Eine Nachforschung mit prominenter Hilfe.

          4 Min.

          Stellen wir uns einmal einen sehr jungen Menschen vor, der bei Youtube unterwegs ist, plötzlich falsch abbiegt und auf eines dieser Videos stößt, die stets das Gleiche zeigen: einen älteren Herrn mit strengem Scheitel, der einer deutlich jüngeren Frau gegenübersitzt, sich mit Rauchschwaden umhüllt und redet. In einem fort. Ab und an stellt die Frau eine Frage, auf die wiederum ein längerer Monolog folgt. Besagter junger Mensch würde diese Filme womöglich auf die ziemlich frühe Bundesrepublik datieren: ein Mann, der im Fernsehstudio raucht! Eine Frau, die an seinen Lippen hängt! Ein Interview mit einer einzigen Person, das länger als eine Stunde dauert!

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was der junge Mensch nicht wissen kann: Diese Videos sind gerade einmal zehn, 15 Jahre alt. Und sie zeigen nicht einfach einen alten Mann, sondern einen alten weisen Mann – keinen alten weißen Mann, wie man heute gern lästert, sondern einen weisen. Gut, weiß war er auch, vor allem aber galt er als weise, ja laut einer Umfrage sogar als Weisester aller Deutschen. Helmut Schmidt war sein Name, Altkanzler sein Adelsprädikat, Sandra Maischberger hieß die Fragestellerin, und das, was manche heute als Mansplaining in Reinform schmähen würden, war ein Ritual, bei dem sich das Fernsehvolk sein durch die unübersichtlichen Zeitläufte ins Wanken geratenes Weltbild zurechtrücken ließ. Schmidt schien alles erlebt und nahezu jede globale Krise persönlich bewältigt zu haben, ihn zu sehen und zu hören hatte etwas ungemein Beruhigendes. Außer vielleicht für Lungenfachärzte.

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