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Internationale Raumstation : Schwerelos leben in „Harmony“

  • -Aktualisiert am

Mit „Harmony” ins Weltall: Space Shuttle Discovery Bild: dpa

Nach neun Jahren Bauzeit ist der Rohbau der ISS fast fertig. Am Freitag hat die Discovery die Schlüsselkomponente geliefert: ein in Italien gebauter, von amerikanischen Schulkindern auf den Namen „Harmony“ getaufter Aluminium-Zylinder.

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          Etwas Glück und gutes Wetter vorausgesetzt, kann man gelegentlich unmittelbar nach Einbruch der Dunkelheit oder vor dem Morgengrauen auch über Deutschland einen deutlichen Lichtpunkt durch das Firmament huschen sehen. Was da viel heller als die meisten Sterne leuchtet, ist die Internationale Raumstation (ISS), welche die Erde in etwa 330 Kilometer Höhe alle 92 Minuten umkreist.

          Ihr Licht stammt vom Sonnenschein, der von den Abertausenden Sonnenzellen in den Flügeln der Station reflektiert wird. Die sechs großen Ausleger sind ein Kraftwerk im Orbit, das mehr als 250 Kilowatt elektrischer Leistung erzeugt. Auf den ersten Blick scheint die ISS nur aus Sonnenzellen zu bestehen. Sie reflektieren nämlich nicht nur das Sonnenlicht zum nächtlichen Himmelsbeobachter, sie dominieren auch auf jenen Fotos der Raumstation, die Astronauten während der Flüge mit dem Space Shuttle aufnehmen.

          Schlüsselstelle „Harmony“

          Allerdings sind diese dunkelblau schimmernden Zellen aus Silizium aber nur Peripherie, ein Garten, in dem die Raumstation Kraft aus dem Sonnenlicht tankt. Das Kernstück der ISS besteht aus einer Reihe von Zylindern, die scheinbar wahllos aneinandergekoppelt sind. Im Fachjargon der Nasa heißen diese Zylinder Module.

          Auf der Erde ein schwerer Brocken...

          Am Freitag ist ein neues Modul hinzugekommen, nämlich ein in Italien gebauter, von amerikanischen Schulkindern auf den Namen „Harmony“ getaufter Zylinder aus Aluminium. Die Raumfähre Discovery hatte ihn zur ISS gebracht. Er ist die internationale Schlüsselstelle. Ohne ihn könnten die in den nächsten Monaten zur Raumstation zu liefernden europäischen und japanischen Labormodule nicht mit den bestehenden, aus Amerika und Russland stammenden Bauteilen verbunden werden.

          „Haus im Orbit“ ohne Wände

          Die Raumstation wird oft als „Haus im Orbit“ bezeichnet. In vieler Hinsicht trifft diese Bezeichnung zu, denn immerhin beherbergt sie eine „Kleinfamilie“: die aus drei Personen bestehende Dauerbesatzung. Wenn russische oder amerikanische Transporter an der Station anlegen, können sich zusätzlich bis zu sieben Hausgäste in der Station aufhalten.

          Aus der Sicht eines Bauingenieurs, für den ein Haus mindestens aus einem Fundament, aus tragenden Wänden und einem Dach bestehen muss, hat die ISS aber nichts mit einer irdischen Wohnstätte gemein. Wegen der Schwerelosigkeit gelten nämlich in der erdnahen Umlaufbahn die klassischen Regeln der Baustatik nicht.

          Getragen wird die Raumstation nicht von Wänden, welche die Gewichtskraft des Dachs und der oberen Stockwerke an das Fundament abführen. Die Raumstation wird durch die Verbindungsmodule zusammengehalten. So verbindet das amerikanische Modul Unity die in Russland gebaute Stationskomponente Zarya mit der amerikanischen Laboreinheit Destiny. Auch die beiden russischen Einheiten Zvezda und Zarya sind über ein ähnliches Verbindungsmodul aus russischer Produktion miteinander verknüpft.

          Columbus mit Harmony mit Kibo

          Bei Destiny handelt es sich um einen 9,30 Meter langen und im Durchmesser 4,60 Meter großen Zylinder, in dem die Astronauten wissenschaftlich experimentieren können. Während Unity an einem Ende des Zylinders angebracht ist, montierten die beiden Astronauten Scott Parazynski und Douglas Wheeler am Freitag Harmony ans andere Ende.

          Beim nächsten Flug eines Raumtransporters im Dezember wird dann auch die europäische Laboreinheit Columbus mit Harmony verbunden. Es ist geplant, dass der deutsche Astronaut Hans Schlegel Columbus in Betrieb nehmen wird. Bei einem weiteren Raumfährenflug Anfang nächsten Jahres wird die japanische Laboreinheit Kibo zur Station gebracht und ebenfalls an Harmony angekoppelt. Dann wird die ISS nach neun Jahren Bauzeit endlich im Rohbau vollständig sein.

          Leichtes Schwergewicht

          Die Verbindungsmodule Unity und Harmony sind aber wesentlich mehr als nur mechanische Koppelungen zwischen den einzelnen Elementen der Station. Sie sind auch die Luftschleusen, die eine gleichmäßige Atmosphäre in allen Räumen garantieren. Zusätzlich sind die Module die „Verteilerdosen“ für die Stromversorgung der verschiedenen Komponenten.

          In den nächsten Tagen wird der italienische Astronaut Paolo Nespoli, der am Dienstag gemeinsam mit sechs amerikanischen Raumfahrern an Bord der Discovery zur ISS geflogen war, Harmony in Betrieb nehmen. Dazu wird die bisher noch hermetisch versiegelte Luftklappe am Ende des Laborzylinders Destiny geöffnet, so dass Nespoli in das Harmony-Modul umsteigen kann. Einen Raumanzug braucht er dazu nicht, denn das italienische Verbindungsmodul bezieht seine Atemluft vom Rest der Station.

          Das vollständig aus Aluminium hergestellte zylindrische Modul ist 7,20 Meter lang und hat einen Durchmesser von gut vier Metern. Auf der Erde wiegt es trotz Leichtbauweise immerhin noch 14 Tonnen. Im annähernden Gleichgewicht von irdischer Schwer- und orbitaler Fliehkraft, der Schwerelosigkeit, schrumpft das Gewicht aber auf wenige Dutzend Kilogramm zusammen. Deshalb kann Harmony auch mit den filigran aussehenden Kränen an Bord von ISS und Discovery nahezu mühelos bewegt werden.

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