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All-Amibitionen : Russland auf eigenen Wegen im Weltraum

Sinnbild für Völkerverständigung: An der Raumstation arbeiten viele Nationen mit – auch Amerikaner und Russen. Bild: dpa

Ende der Zusammenarbeit: Russlands Raumfahrtbehörde Roskosmos will aus dem ISS-Projekt aussteigen. Sie wollen eine eigene Raumbasis betreiben – und an alte Zeiten anknüpfen.

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          Barry Wilmore und Terry Virts haben anstrengende Tage hinter sich. In drei Außeneinsätzen mussten die beiden amerikanischen Astronauten mehr als 230 Meter Kabel samt Stecker und Adapter an der Internationalen Raumstation ISS verlegen. Den dritten Ausflug in 400 Kilometer Höhe über der Erde brachten sie am Sonntag hinter sich. Wenige Tage zuvor war Außeneinsatz Nummer zwei am Mittwoch für Virts mit einem Schrecken zu Ende gegangen, als er in seinem Helm Wasser feststellte.

          Manfred Lindinger
          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Doch die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa teilte mit, es habe keine Gefahr für ihn bestanden. Im Jahr 2013 wäre es fast zu einem Unglück gekommen, als der Helm des italienischen Astronauten Luca Parmitano bei einem Außeneinsatz mit Wasser voll lief. Die Ursache war eine verstopfte Pumpe.

          In den kommenden Wochen sollen nun weitere Ausflüge folgen. Die Außenarbeiten dienen dazu, neue Andockmöglichkeiten für künftige kommerzielle amerikanische Raumschiffe zu schaffen. In zwei Jahren sollen mit Kapseln der Unternehmen SpaceX und Boeing wieder amerikanische Astronauten zur ISS befördert werden.

          Russland will eigene Raumstation

          Seit dem Ende der amerikanischen Raumfähren im Jahr 2011 nutzen die amerikanischen Astronauten russische Sojus-Kapseln als Taxis zur Raumstation. Diesen Service lässt sich Russland teuer bezahlen. Mehr als 60 Millionen Dollar kostet der Flug eines nichtrussischen Astronauten. Mit den privaten Raumschiffen will man sich aus dieser Abhängigkeit befreien.

          Das Vorzeigeprojekt für internationale Zusammenarbeit, das derzeit von den beiden Amerikanern sowie  von drei Russen und einer Italienerin bewohnt wird, soll voraussichtlich noch bis zum Jahr 2024 betrieben werden. Nach den Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr hat nun auch Russland beschlossen, sich neun weitere Jahre bei der ISS zu engagieren – vier Jahre länger als ursprünglich beabsichtigt.

          ISS : Astronauten verlegen Kabel im All

          Danach will man eigene Wege gehen. Der wissenschaftlich-technische Rat der russischen Weltraumbehörde Roskosmos hat jüngst auf einem Treffen in Moskau die künftigen nationalen Raumfahrtunternehmungen beschlossen. Danach plant man unbemannte und bemannte Missionen zum Mond sowie eine eigene Raumstation. Dafür sollen einige russische Module der ISS verwendet werden.

          Abkoppeln und dann anschließen an früher

          Seit 1998 ist Russland mit den Vereinigten Staaten, Europa, Japan und Kanada am Aufbau und Betrieb der Internationalen Raumstation beteiligt. Dabei war Moskau ein verlässlicher Partner. Deshalb ist die Ankündigung für die an der Raumstation beteiligten Partnerländer eine gute und schlechte Nachricht zugleich.

          Einerseits steigt Russland nicht – wie im vergangenen Jahr angekündigt – bereits 2020 aus dem internationalen Projekt aus. Andererseits will Moskau bei der Erforschung des Weltraums wieder unabhängiger werden und an vergangene große Raumfahrtzeiten anknüpfen. Eine eigene Raumstation wäre der erste Schritt dorthin.

          Fünf eigene Module betreibt Roskosmos derzeit auf der ISS. In zwei Jahren sollen das Mehrzwecklabormodul „Nauka“ und später das Wissenschafts- und Energiemodul „NEM“ hinzukommen. Nach derzeitigen Plänen sollen „Nauka“ und „NEM“ dann 2024 zusammen mit dem kugelförmigen Verbindungselement „UM“ von der ISS abgekoppelt und zu einer eigenständigen Raumstation zusammengefügt werden.

          ISS-Betrieb doch bis 2028?

          Für die Europäische Raumfahrtbehörde Esa ist die Absicht von Roskosmos, den Betrieb der Internationalen Raumstation bis 2024 sicherzustellen, eine positive Botschaft. „Die Tatsache, dass zwei der größten Raumfahrtbehörden der Welt, die Nasa und Roskosmos, die ISS über das Jahr 2020 hinaus nutzen wollen, wird in der Entscheidungsfindung der Esa und ihrer Mitgliedstaaten in der nächsten Ministerratskonferenz, wenn es um eine vierjährige Verlängerung der Beteiligung am ISS-Programm geht, eine wichtige Rolle spielen“, sagt Thomas Reiter, der Direktor für Bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb der Esa.

          Bild: F.A.Z.

          Die Esa-Mitglieder sind sich einig, den Außenposten im erdnahen Weltraum bis 2020 zu unterstützen. „Ob der Betrieb der ISS über das Jahr 2024 hinaus verlängert werden soll, wird zum einen davon abhängen, wie man Ende dieses Jahrzehnts den technischen Zustand der ISS bewerten wird“, sagt Reiter.

          „Die Entscheidung wird aber auch von den zukünftigen Zielen in der astronautischen Exploration bestimmt, die einzelne Raumfahrtagenturen gegenwärtig diskutieren.“ Vom gegenwärtigen Zustand her könnte die Internationale Raumstation, von jeher auch ein Sinnbild für die Völkerverständigung, durchaus bis 2028 betrieben werden. Gute Chancen also, dass mindestens noch einmal ein deutscher Astronaut zur ISS fliegt.

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