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Israels Straßenbahn : Endstation Damaskustor

Noch immer nur Floskeln: Die Jerusalemer Straßenbahn fährt nicht, über sie wird geschrieben - „Ampel auf Rot”, „auf dem falschen Gleis”, „Weichen falsch gestellt” Bild: REUTERS

Seit Jahren sollte in Jerusalem die erste Straßenbahn Israels fahren. Das Planungschaos, Ultraorthodoxe und der Nahost-Konflikt halten sie jedoch auf. Die neuen Züge kommen nicht richtig in Fahrt.

          4 Min.

          Fast geräuschlos gleiten die silbernen Wagen die alte Stadtmauer von Jerusalem entlang. Auf Hebräisch, Arabisch und Englisch sagt eine freundliche Lautsprecherstimme die nächste Haltestelle am Damaskustor an. Sie wird zur Endstation: Nach nur gut zehn Minuten findet die Demonstrationsfahrt für ausländische Journalisten ein abruptes Ende. Von technischen Schwierigkeiten ist die Rede. Im Jahr 2006 haben in Jerusalem die Bauarbeiten für die erste Straßenbahnlinie in ganz Israel begonnen. Längst sollte das 800 Millionen Euro teure Prestigeprojekt fertig sein. Aber selbst im Probebetrieb, der schon Monate dauert, kommen die neuen Züge nicht richtig in Fahrt.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          „Hoffentlich können die ersten Fahrgäste Mitte August einsteigen. Wenn es die Sicherheit nötig macht, kann sich der Start auch noch ein paar Wochen verzögern“, sagt Bürgermeister Nir Barakat vorsichtig. Sein Chefingenieur wird etwas deutlicher. Er erwartet, dass die Einwohner im Sommer höchstens ein kurzes Stück auf der Jaffa-Straße fahren können, um das neue Verkehrsmittel kennenzulernen. Bis die Züge auf der gesamten 14 Kilometer langen Strecke im Einsatz seien, könne es Herbst werden. Andere sprechen sogar schon von Anfang Januar 2012. Mehr als hundert Ampeln müssen noch neu programmiert und Dutzende Sensoren installiert werden, damit die Bahn dann auch wirklich Vorfahrt hat.

          Am Rande eines Verkehrskollapses

          Statt die mehrere tausend Jahre alte Stadt vor einem Verkehrsinfarkt zu bewahren, brachten Pfuscherei und Planungschaos während des Bahnbaus Jerusalem an den Rand eines Verkehrskollapses. Ursprünglich war vorgesehen, dass die ersten Züge eines französischen Herstellers schon 2006 aus dem Ost-Jerusalemer Stadtteil Pisgat Zeev durchs Stadtzentrum bis zum Herzl-Berg fahren, wo die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem liegt. Die Strecke ist das Kernstück des neuen „Verkehrs-Masterplans“, der Jerusalem ins 21. Jahrhundert bringen soll. Doch die Autos quälen sich weiterhin durch Straßen, die einst Türken und Briten dort gebaut hatten. Und die Bahn brachte dann noch mehr Stauungen und Dauerbaustellen, die viele Geschäftsleute beinahe in den Konkurs trieben, weil ihre Kunden nicht mehr zu ihnen durchkamen. Während des Kommunalwahlkampfs Ende 2008 sprach der heutige Bürgermeister Nir Barakat vielen Einwohnern aus dem Herzen, als er vorschlug, die Schienen einfach herauszureißen und auf den Trassen Schnellbusse fahren zu lassen. Kaum war er im Amt, baute er die Betreibergesellschaft um, die in privater Trägerschaft war, und trieb das Bahnprojekt voran.

          Noch funktionieren viele Details nicht - zum Beispiel die Ampelschaltung

          Israelis feiern ihr Land wegen ihres Erfindungsreichtums gerne als eine „Start-up-Nation“. Beim öffentlichen Nahverkehr gleicht der kleine Staat jedoch immer noch mehr einem Entwicklungsland. Nicht nur in Jerusalem verstopfen stinkende Busse die engen Straßen. Auch in Tel Aviv haben die Bauarbeiten an einer Straßenbahn erst vor kurzem richtig begonnen; geplant wird sie schon seit fast hundert Jahren. Immerhin gibt es in der Küsten-Metropole seit 1967 eine U-Bahn-Station – ohne die dazu gehörende Untergrundbahn. Nur langsam kommen die Arbeiten an der neuen Linie voran, die nun weitgehend über der Erde verlaufen soll.

          Kein Zutrauen in den öffentlichen Nahverkehr

          Im Jerusalemer Stadtverkehr, in dem es meist mediterran und temperamentvoll zugeht, muss sich die neue Bahn mit ihrem dezenten Gong erst Respekt verschaffen. Die Fahrer betätigen das Warnsignal häufig, denn Fußgänger und Autofahrer haben noch nicht verinnerlicht, dass das neue Gefährt im Ernstfall nicht einfach ausweichen kann. Zudem muss man in Israel erst wieder Zutrauen zum öffentlichen Nahverkehr finden. Während der zweiten Intifada sprengten Selbstmordattentäter zahlreiche Busse in die Luft. Viele Israelis kauften sich daraufhin Autos, die sie jetzt stehen lassen müssten, damit die Bahn wirklich Entlastung bringen kann.

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