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Israels Parlament : Auf Du und Du mit Bouji, Bibi, Gandhi

Bibi alias Benjamin Netanjahu Bild: AP

In Israel sprechen sich auch Spitzenpolitiker mit Spitznamen an. Nett sind sie deshalb längst nicht zueinander.

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          Im israelischen Parlament stehen sich jetzt Bibi und Bouji gegenüber. Bibi ist der Spitzname von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Bouji (ausgesprochen Buudschi) der von Isaac Herzog, dem neuen Oppositionsführer. Den Namen habe ihm seine Mutter gegeben, als er ein kleines Kind war, sagte der Vorsitzende der Arbeiterpartei im israelischen Rundfunk: Sie habe ihn „Buba scheli“ genannt; das ist Hebräisch und lässt sich mit „meine Puppe“ übersetzen. Daraus sei dann in der Babysprache Bouji geworden – und bis heute geblieben. Obwohl Herzogs Vorname eigentlich Isaac lautet und er später Minister wurde, verwenden viele Israelis bis heute den Spitznamen aus Kindertagen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Das war bei Ministerpräsident Netanjahu kaum anders. Seine Brüder riefen ihn lieber „Bibi“ als Benjamin. Daran hat sich auch nichts geändert, als er die Führung der Regierung übernahm. Netanjahus Herausforderin in der Wahl Anfang 2009 kennen die meisten auch nur als Zipi Livni, obwohl die heutige Justizministerin eigentlich den Vornamen Tzipora hat.

          „Gandhi“, der israelische Nationalist

          „Israel ist ein kleines Land. Jeder kennt jeden. Die Menschen haben wenig für Formalitäten und Statussymbole übrig“, sagt Aaron Demsky, der an der Bar-Ilan-Universität jüdische Namen erforscht. Viele leisteten gemeinsam Militärdienst oder kamen aus dem gleichen Kibbuz. „Besonders der sozialistisch geprägten Kibbuz-Gesellschaft waren Spitznamen Ausdruck von ein wenig Individualität und daher weit verbreitet.“

          Ähnlich leger gehen die Israelis sogar mit ihren Generälen um, deren Befehle sie als Soldaten einst befolgen mussten. Mosche Jaalon war zum Beispiel früher Generalstabschef und hatte mit harter Hand die zweite Intifada beendet. Seit einem knappen Jahr ist der 63 Jahre alte Politiker Verteidigungsminister. Aber für die meisten ist er „Bogie“ geblieben. Selbst Rundfunk- und Fernsehmoderatoren sprechen ihn mit seinem Spitznamen an. In den Zeitungen steht hinter seinem Namen oft in Klammern noch „Bogie“.

          Den späteren Ministerpräsidenten Ariel Scharon nannten viele Israelis nur „Arik“. Der frühere General Rehavam Zeevi wiederum wird auf offiziellen Gedenktafeln nicht ohne den Zusatz „Gandhi“ erwähnt. Dabei war der spätere Minister ein israelischer Nationalist, der wenig für die Palästinenser übrig hatte. „Gandhi“ wurde der von palästinensischen Terroristen ermordete Israeli wegen seines äußeren Erscheinungsbildes genannt, das dem des Inders glich.

          Vorliebe für biblische Namen

          Nach Ansicht des Onomastik-Professors Demsky ist die israelische Lockerheit im Umgang mit den eigenen Politikern aber international nicht ungewöhnlich. „In Amerika reden alle nur von dem früheren Präsidenten Bill Clinton. Dabei lautet sein Vorname Richard Jefferson. Jimmy Carter heißt in Wirklichkeit James Earl. Aber man mag auch dort ebendiesen volkstümelnden Stil.“

          In Israel ist es schwer, einen Spitz- oder Kosenamen loszuwerden, den man als Kind erhalten hat. Das heißt aber nicht, dass die Vornamen, die Eltern aussuchen, gleich bleiben. Nur die Vorliebe für biblische Namen blieb immer konstant. In jüngster Zeit häuften sich Unisex-Namen, die für Mädchen und Jungen verwendet werden, sagt Demsky. Besonders populär seien zur Zeit Noa und Noam sowie Or. „Das heißt übersetzt Licht“, sagt Demsky. „Sie müssen den Namen nur einmal in einem Kindergarten rufen. Dann kommen gleich mehrere Jungen und Mädchen gerannt.“

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