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Israel : Schmitta-Streit ums Obst

Ein ultraorthodoxer Jude beim Gebet zu Beginn des Jüdischen Neujahrsfestes Bild: AP

In Israel wurde mit dem jüdischen Neujahrsfest auch das Jahr der Acker-Ruhe begrüßt. Doch eine Anordnung der Armee lässt es unruhig beginnen.

          Kurz vor dem jüdischen Neujahrsfest begann in Israel ein heftiger Streit über Obst und Gemüse. Der oberste Geistliche der Armee ordnete an, dass die Soldaten von diesem Donnerstag an ein Jahr lang keine Erzeugnisse jüdischer Bauern aus Israel mehr verzehren sollen. Stattdessen sollen die Streitkräfte sich bei arabischen Bauern versorgen. Sofort brach ein Sturm der Entrüstung los. Der Bauernverband schimpfte über eine „Kriegserklärung“ der Armee. Das Landwirtschaftsministerium warnte vor dem wirtschaftlichen Schaden und den hohen zusätzlichen Kosten. Am Ende versuchte die Armee zu beschwichtigen: Der „größte Teil“ ihres Bedarfs werde weiter bei jüdischen Herstellern in Israel gedeckt, stellte ein Sprecher klar.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Das jüdische Jahr 5775, dessen Anfang am Mittwochabend gefeiert wurde, ist ein besonderes Jahr. Es ist ein Schabbat-Jahr für die Landwirtschaft – in Anlehnung an das Gebot, am siebten Tag der Woche die Arbeit ruhenzulassen. „Sechs Jahre kannst du in deinem Land säen und die Ernte einbringen, im siebten sollst du es brach liegen lassen und nicht bestellen“, steht im Buch Exodus über das „Schmitta“-Jahr. Diese Schabbatruhe stellte Juden aber erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts vor größere Probleme, als sie sich wieder in Palästina niederließen und begannen, dort Landwirtschaft zu betreiben; im Exil galt die Vorschrift nicht, nur im „Land Israel“. Dort fanden Rabbiner bald Lösungen, um sicherzustellen, dass die schnell wachsende jüdische Bevölkerung genug zu essen hat und die Bauern nicht in den Ruin getrieben werden.

          Viele Juden weichen in Palästinensergebiete aus

          Die meisten von ihnen nutzen bis heute eine Verkaufserlaubnis, die das Oberrabbinat erteilen kann: Symbolisch werden die Felder und Plantagen für die Dauer des Schmitta-Jahres an einen Nicht-Juden verkauft und danach zurückgekauft. So können die Bauern auch in dieser Zeit ihrer Arbeit nachgehen und Geld verdienen. Darauf wird jetzt auch die Armee wieder zurückgreifen. Eine etwas aufwendigere Möglichkeit besteht darin, die Produktion in Gewächshäuser zu verlegen. Dort müssen die Erzeugnisse auf Tischen wachsen, deren Wurzeln nicht bis in den Boden des „Landes Israel“ reichen und damit das Ruhegebot nicht verletzen. Die Bauern können die Früchte ihrer Arbeit auch mit der Hilfe von Religionsgerichten verkaufen. Sie werden dann nur für ihre Arbeit bezahlt, nicht aber für ihre Produkte.

          In Israel halten nur ganz wenige Landbesitzer das Ruhejahr ein und lassen ihre Felder unberührt. Viele strenggläubige Juden wollen ganz sicher gehen, dass sie nicht gegen das Gebot verstoßen. Sie kaufen gar nicht mehr in Israel ein und weichen in die Palästinensergebiete oder ins benachbarte Jordanien aus. Auf der jordanischen Seite des Jordantals erschienen schon als Araber verkleidete israelische Rabbiner, die dort sicherstellen, dass alle jüdischen Vorschriften eingehalten werden. Nicht alle Israelis halten es für richtig, die einheimische Landwirtschaft zu schwächen und den arabischen Konkurrenten das Geschäft zu überlassen. Das sei nicht nur aus gesundheitlichen, sondern auch aus „nationalen“ Gründen inakzeptabel, hieß es zum Beispiel in einem Gastkommentar in der Zeitung „Jerusalem Post“. Juden, die nicht in Israel wohnen, haben mit diesen Schwierigkeiten nicht zu kämpfen.

          Einige wollen das Ruhejahr trotzdem einhalten. Eine neu gegründete „Schmitta-Vereinigung“ kaufte deshalb in Nordisrael vor kurzem eine Aprikosenplantage, die sie jetzt brach liegen lässt. Für mindestens 180 Dollar können alle diejenigen ein Stückchen davon erwerben, die das Gebot wenigstens symbolisch einhalten wollen.

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