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Israel : Israelische Kriminalpolizei ermittelt im Sojamilchfall

  • Aktualisiert am

Ohne Vitamin B1 wird die Sojamlich offenbar zur Gefahr Bild: AP

Nach dem Tod von drei Babys in Israel ist der deutsche Milchprodukte-Hersteller Humana Milchunion in die Kritik geraten. Seit Montag Abend ermittelt die israelische Polizei wegen fahrlässiger Tötung.

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          Das israelische Gesundheitsministerium hat am Montag ein Milchersatzpulver für Säuglinge vom Markt genommen, nachdem drei Kleinkinder in den letzten Monaten an Vitamin-B 1-Mangel gestorben waren. Das israelische Produkt der Firma Remedia war eine Sonderherstellung der deutschen Humana-Milchunion in Herford, die offenbar in Israel nur noch "gekoschert" werden sollte.

          Zwanzig israelische Kinder sind seit Einführung des Produkts im Juni an der Enzyphalopathie erkrankt. Das Gesundheitsministerium erwägt nun ein Verfahren gegen Remedia und schickte schon am Montag ein Untersuchungsteam nach Herford. In Deutschland erhältliche Produkte seien von den Problemen nicht betroffen, teilte Humana mit. Sie würden nach einer anderen Rezeptur zubereitet.

          Kein B1

          Am Sonntag hatten Labortests ergeben, daß das Hilfsprodukt nicht das Vitamin B 1 enthält, das auf dem Etikett angegeben ist. Dieses Vitamin ist wichtig für die Entwicklung des Nervensystems. In den letzten Monaten sollen 5.000 Kinder diese Ersatzmilch zu sich genommen haben. Sie wird dann eingesetzt, wenn normale Milch nicht verträglich erscheint. Zunächst kam es bei den kranken Kindern zu ständigem Erbrechen, später zu Krämpfen. Sie hatten Probleme beim Sehen und allgemeine Muskelausfälle.

          Manche Ärzte entschieden zum Glück selbstständig, Vitamin B 1 zu spritzen. Am Samstag kam dann die Anordnung dazu vom Gesundheitsministerium, dies ohne Kosten für die Patienten zu tun. Remedia teilte mit, es habe sich mit der Humana in Verbindung gesetzt und erwarte in einigen Tagen die Testergebnisse aus Deutschland. Die Produktion der Milch sei eingestellt worden. Bei Humana hieß es, es könne auch andere Ursachen für die Krankheiten der Säuglinge geben. Remedia ist teilweise im Besitz des amerikanischen Konzerns Heinz. Auch dieser kündigte an, die Untersuchungen unterstützen zu wollen.

          Ministerium „hinters Licht geführt“

          Das erste Kleinkind war im Juni gestorben, kurz nachdem das Produkt auf den Markt gekommen war. Am Sonntag wurden drei weitere Säuglinge mit Nervenstörungen in ein Krankenhaus in Beersheva eingewiesen. Im Gesundheitsministerium hieß es, Remedia habe das Vertrauen der Konsumenten und des Ministeriums "hinters Licht geführt und betrogen; doch weiß man noch nicht, ob dies mit Absicht geschah oder nicht". Die Regierung schaltete jetzt auch die Sicherheitsdienste Mossad und Schinbeth ein, um eine mögliche Sabotage zu überprüfen.

          Bereits am späten Montagabend untersuchten Beamte die Räumlichkeiten der Firma Remedia in Rischon Lezion bei Tel Aviv, dabei wurden Dokumente und Computer konfisziert. Seit Dienstag ermittelt auch die israelische Krimalpolizei im Zusammenhang mit dem Tod der drei Säuglinge. Mehere leitende Angestellte von Remedia wurden vernommen, ihnen wird fahrlässige Tötung vorgeworfen.

          Klagen in Milliardenhöhe

          Gegen Remedia wurden bereits am Montag Privatklagen in der Höhe von mehr als einer Milliarde Scheckel (etwa 200 Million Euro) eingereicht. Humana- Sprecher erklärten am Montag, daß das von ihnen speziell für den israelischen Markt hergestellte Produkt ausreichend Vitamin B1 enthalte. Ein Vertereter von Remedia teilte am Dienstag mit, Humana habe die Rezeptur der Babymilch von sich aus im April diesen Jahres geändert.

          Vitamin B 1, bezeichnet auch als Thiamin, ist schon lange als lebenswichtiger Bestandteil der Nahrung bekannt. Genauer auf die Spur ist ihm 1897 der niederländische Arzt Christiaan Eijkman gekommen. Er suchte in Indonesien nach der Ursache der in Ostasien verbreiteten Krankheit Beriberi. Dieses Leiden ist unter anderem durch Störungen der Nervenfunktionen mit Muskelschwäche und Lähmungen gekennzeichnet. Ähnliche Symptome beobachtete Eijkman bei Hühnern, und zwar immer dann, wenn die Tiere geschälten, polierten Reis als Futter erhalten hatten. 1926 gelang es, die Substanz aus Reiskleie in reiner Form zu gewinnen. Nun hatte man ein Mittel gegen Beriberi zur Hand, jene Mangelkrankheit, die bei Ernährung mit maschinell geschältem Reis und weißem Mehl auftritt. Der höchste Gehalt liegt im Keim vor, und dieser wird beim Schälen meist entfernt. Durch Anreichern von Cerealien mit synthetisch hergestelltem Thiamin begegnet man diesem Verlust. Vitamin B 1 wirkt als Coenzym am Kohlehydrat-Stoffwechsel mit. Der Bedarf beträgt bei erwachsenen Männern etwa 1,0 bis 1,3 Milligramm pro Tag, bei Frauen 1,0 Milligramm. Schwangere und stillende Mütter benötigen rund 40 Prozent mehr. Vitamin B 1 ist in größeren Mengen vor allem in unraffinierten Getreidekörnern, Nüssen, Hülsenfrüchten, Innereien und Schweinefleisch enthalten. (R.W.)

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