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Isolda Dychauk : Eine Pubertät als Schauspielerin

Die Schule hat Isolda Dychauk abgebrochen, die Schauspielerei ist für sie nun ihr Beruf. Bild: Jens Gyarmaty

Während ihre Freunde im Klassenraum saßen, stand Isolda Dychauk, die derzeit als Gretchen in „Faust“ zu sehen ist, vor der Kamera. Und irgendwann merkte sie, dass sie nicht mehr viel gemeinsam hatten. Wie es ist, beim Filmen erwachsen zu werden.

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          Nach „Borgia“ war es besonders schwer, in ihr altes Leben zurückzufinden. Sieben Monate lang hatte Isolda Dychauk in Prag gedreht. Das Filmteam war ihre Familie geworden, ihre Rolle als Papsttochter Lucrezia eine Art Gefährtin. Sie hatte ihren 18. Geburtstag am Set gefeiert und zum ersten Mal das Gefühl, nicht mehr das Kind zu sein, sondern ernst genommen zu werden von den Kollegen. Als sie anschließend nach Hause kam, in ihre Wohnung am Prenzlauer Berg, zu ihrem Freund und den beiden Kätzchen, fühlte sie sich dort nicht wohl. Sie träumte auf Englisch. Nachts schreckte sie hoch und schrie ihren Freund an: „Why do you talk in German?“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Es war wie ein Auslandsjahr“, sagt Isolda Dychauk, und der Vergleich trifft es gut: Viele Teenager gehen in ihrer Oberstufenzeit ein Jahr lang nach Frankreich, nach Amerika, nach Großbritannien. Sie lassen Eltern und Freunde zurück, erobern sich ihren Platz in einer anderen Welt und kehren darüber ein Stück selbstbewusster, reifer und mehr sie selbst geworden zurück. Dieser Schritt ist zum Standardbaustein bildungsorientierter Biographien geworden. Ist man wieder daheim, mag es holpern. Anschließend jedoch geht das Leben mehr oder weniger seinen vertrauten Gang.

          Dychauk steht vor der Kamera seit sie dreizehn ist

          Bei Isolda Dychauk liegen die Dinge anders. Ihr ist es schon so oft passiert, dass sie nach dem Abschluss von Dreharbeiten in ein Loch gefallen ist, dass sie inzwischen weiß: Abwarten hilft. Oder ihr Freund fängt sie auf und erinnert sie daran, dass es „auch schöne Sachen zu Hause“ gibt. Dychauk ist keine gewöhnliche Achtzehnjährige mehr. Während ihre Altersgenossen sich auf Abiturklausuren über Goethe vorbereiten, gibt die russischstämmige Berlinerin derzeit in Alexander Sokurovs in Venedig prämierter „Faust“-Verfilmung das Gretchen.

          In „Faust“, der derzeit in den Kinos läuft, spielt Dychauk das Gretchen.

          Der fortdauernde Wechsel zwischen den Welten, das Hin und Her zwischen Set und Schulalltag, hat irgendwann bewirkt, dass ihr Leben eine andere Richtung nahm. Nie hat sie eine Entscheidung getroffen, von der sie wusste: Von jetzt an wird alles neu. Aber Dychauk steht vor der Kamera, seit sie dreizehn ist. Sie traut sich inzwischen, diese Arbeit einen Beruf zu nennen, und immer öfter sagt sie von sich selbst: „Ich bin Schauspielerin.“ Vor anderthalb Jahren hat sie die Schule abgebrochen. Und vielleicht war „Borgia“, das Renaissance-Epos über Sex, Gewalt und Macht, das im Herbst im ZDF ein Millionenpublikum fand, die entscheidende Weiche.

          Eine Pubertät an Film-Sets

          „Also“, sagt Isolda Dychauk mit heller Stimme, „allgemein fühlt sich alles momentan sehr surreal an.“ Sie sitzt im Café einer Chocolaterie am Berliner Gendarmenmarkt. Gerne hätte man das Mädchen in der Nähe seiner alten Schule getroffen, in einem Umfeld, wo sich der Übergang von einer normalen Jugendlichen zum Jungstar nachzeichnen lässt. Aber Dychauk sagt, ihr sei kein Ort eingefallen. Das Schokoladencafé hat ihre Presseagentin ausgesucht. Der Unterschied zu Schauspieler-Interviews in Hotelsuiten besteht insofern in der Botschaft: Diese Darstellerin ist besonders jung und besonders süß. Dabei bestellt sie nicht einmal Kakao.

          Wie wird man erwachsen, wenn man seine Pubertät damit verbringt, sich eine Karriere als Schauspielerin aufzubauen?

          Ihren 18. Geburtstag feierte Dychauk am Set von „Borgia“.

          Dychauk trägt schmale Jeans, ein schwarzes Fledermausshirt und Silberschmuck mir großen Steinen, die rötlichen Locken fallen lang über ihre Schultern. Trotz Kulleraugen und Herzmund wirkt sie weniger puppig als im Film: eine junge, urbane Frau mit einer großen Handtasche über der Schulter. Die Stiefeletten mit der breiten Fellkrempe sind einen Tick zu hoch und vermutlich zu teuer für eine durchschnittliche Achtzehnjährige. Die kurzgeschnittenen Nägel in Gelb, Rot und Blau hingegen, mit denen sie ein Zuckertütchen platt streicht, sind ein Überbleibsel vom jüngsten Dreh, bei dem sie eine Sechzehnjährige gespielt hat. Wenn Dychauk kichert, wenn sie impulsiv losprustet, dabei die Augen zusammenkneift und den Kopf zurückwirft, verbreitet sie diese Mischung aus Frische und Naivität, die auch Lucrezia und ihr Gretchen prägt.

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