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Islamunterricht : Ein Mann in heikler Mission

  • -Aktualisiert am

„Gott liebt die Menschen”: Mouhanad Khorchide im Centrum für religiöse Studien in Münster Bild: Holde Schneider

Und wieder läuft die Debatte: Der Islam und die westliche Gesellschaft, passt das zusammen? Einer, der Antworten finden muss, ist Mouhanad Khorchide. Er soll Lehrer für den Islamunterricht hierzulande ausbilden. Die Politik hat hohe Ansprüche an ihn.

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          Mouhanad Khorchides Büro liegt versteckt: Kein Schild verrät das Centrum für religiöse Studien der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Die Tür zu dem Stockwerk, wo der Professor für islamische Religionspädagogik sitzt, lässt sich gar nur mit einer Chipkarte öffnen, Eingang und Flur werden von Kameras überwacht. Die Polizei bestand auf dieser Ausstattung: Ein Kollege Khorchides, der Islamwissenschaftler Sven Kalisch, hatte Morddrohungen von Islamisten erhalten; er hatte die historische Existenz des Propheten Mohammed angezweifelt und sich danach ganz vom Islam losgesagt.

          Bald soll die Sicherheitstechnik abgebaut werden; Kalisch hat das Centrum mittlerweile verlassen. Khorchide, ein freundlicher, gut aussehender Mann von 38 Jahren, steht nicht im Verdacht, zum Apostaten zu werden. Doch auch seine Position ist ein heißer Stuhl, mittendrin in einer bisweilen erregten Debatte über Einwanderer und Moscheen, misslungene Integration und verpasste Bildungschancen, gesellschaftliche Kosten und gesellschaftliche Ängste.

          Khorchide soll Lehrer ausbilden, die an deutschen Schulen muslimische Schüler ihre Religion lehren. Deshalb muss er sich mit den muslimischen Verbänden gut stellen; ihre Zustimmung ist nötig, damit er seinen Job überhaupt machen kann. Zugleich darf er es sich nicht mit der Politik verderben, denn die hat hohe Ansprüche an ihn. Gerade der islamische Religionsunterricht ist mit Erwartungen überfrachtet: Er soll zum einen dazu führen, dass sich muslimische Schüler in Deutschland besser integrieren. Es ist ja nicht nur Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin, der den Mangel an Integration bei vielen Einwanderern anprangert. Zum anderen soll der islamische Religionsunterricht, so die Hoffnung der Politik, die Schüler immun gegen extremistisches Gedankengut machen, den Einfluss von Hasspredigern mindern und die Bevölkerung so vor Anschlägen durch „home grown terrorists“ schützen. Wenn das nicht eine Aufgabe ist!

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          Für Integration, gegen Extremismus? Duisburger Zehntklässler erhalten islamischen Religionsunterricht : Bild: Edgar Schoepal

          Jahrelang wurden die Muslime hingehalten

          Die Debatte über die Einführung des Islamunterrichts gewann, wenig überraschend, wirklich erst nach dem 11. September 2001 an Fahrt. Schließlich waren die Attentäter in Deutschland radikalisiert worden. Vorher war die Diskussion eher dazu genutzt worden, den Wunsch der Muslime nach eigenem Religionsunterricht abzuwimmeln. Jahrelang wurden sie hingehalten mit dem Argument, der Islam habe keine kirchenähnliche Struktur und dem Staat fehle deshalb ein Ansprechpartner für die Lehrplangestaltung. Ein Jahrzehnt lang kam kein Bundesland über Modellversuche hinaus.

          Dabei sind Kinder und Jugendliche ideale Adressaten für antifundamentalistische Erziehung. Sie sind in der Schule leicht zu erreichen, und sie machen einen großen Anteil der muslimischen Bevölkerung in Deutschland aus: Fast jeder vierte der knapp vier Millionen Muslime ist minderjährig. Bisher haben nur drei Prozent von ihnen islamische Religionskunde. Um den Unterricht flächendeckend einzuführen, wären allerdings mehrere tausend Lehrer nötig.

          Um diese Lehrer auszubilden, sind in den letzten Jahren an mehreren Universitäten Studiengänge für islamische Religionspädagogik entstanden, die größten in Frankfurt, Osnabrück, Münster und Erlangen. Weil Wolfgang Schäuble, damals Bundesinnenminister, im Rahmen der ersten Islamkonferenz die Errichtung von Islamischen Fakultäten zum Ziel erklärte, gibt es dafür neuerdings auch Bundesmittel; bisher zahlten nur die Länder. Nun ist unter den Universitäten ein regelrechter Wettstreit entbrannt, wer den besseren, schöneren, größeren Studiengang einrichten kann - und vom Füllhorn der Bundes profitiert. Im Herbst soll Bundesbildungsministerin Annette Schavan darüber entscheiden, welche Universitäten den Zuschlag erhalten. Also versuchen alle Beteiligten, sich in einem möglichst guten Licht zu präsentieren: Kein Wissenschaftler will etwas Falsches sagen, Einladungen zu Kongressen über muslimisches Leben in Deutschland häufen sich.

          Nicht per se eine gute Sache

          Islamischer Religionsunterricht ist jedoch nicht per se eine gute Sache. In seiner Promotion über muslimische Religionslehrer in Österreich hatte Khorchide herausgefunden, dass mehr als die Hälfte von ihnen für ihre Aufgabe nicht hinreichend qualifiziert ist und ein Fünftel die Demokratie als Staatsform ablehnt. Diese Studie wäre ihm im Berufungsverfahren beinahe zum Verhängnis geworden. Denn sie schürte bei den muslimischen Verbänden, die ihr Plazet geben mussten, den Verdacht, er sei ein Islamkritiker.

          Erschwerend kamen delikate familiäre Verbindungen bei denen hinzu, die über ihn zu entscheiden hatten: Ausgebildet werden die österreichischen Islamlehrer nämlich von der Islamischen Religionspädagogischen Akademie in Wien, die Khorchide in seiner Arbeit scharf kritisierte. Die Leiterin der Wiener Akademie jedoch, Amina Shakir, ist die Schwester von Ibrahim el Zayat, dem Kopf des politischen Islams in Deutschland. Die Familie des Deutsch-Ägypters ist in der internationalen muslimischen Szene hervorragend vernetzt, er ist Funktionär in verschiedenen Organisationen der Muslimbrüder. El Zayat lebt bei Köln und verdient sein Geld damit, dass er Moscheegemeinden, insbesondere der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG), beim Erwerb von Immobilien für Moscheen berät. [...]

          Als Khorchide überlegte, wie er die muslimischen Verbände von sich überzeugen könne, gab ihm jemand den Rat, zuerst mit el Zayat zu sprechen. Doch das wollte er nicht. Dass er es trotzdem geschafft hat, das Misstrauen gegen sich zu zerstreuen, spricht für sein diplomatisches Geschick. Auch seine Thesen über den Islam in der westlichen Welt und seine Spiritualität müssen die Repräsentanten der organisierten Muslime überzeugt haben. Die Politik wiederum sah es gern, dass Khorchide Araber ist, denn die bisherigen Professoren für islamische Religionspädagogik sind Türken.

          Ein Islam mit menschlichem Antlitz

          Khorchides Projekt, das er nun von seinem kleinen Dachzimmer gegenüber dem katholischen Priesterseminar aus verwirklichen will, ist formidabel: für einen Islam mit menschlichem Antlitz zu werben, der mit der Demokratie vereinbar ist. „Viele“, so sagt er, „verstehen den Islam immer noch als eine Gesetzesreligion, in der es vor allem darum geht, zwischen Erlaubtem und Verbotenem zu unterscheiden. Sie sehen in Allah einen zornigen Richter. Doch das Wichtigste an unserer Religion ist, dass Gott die Menschen liebt.“ Er zitiert einen Ausspruch Mohammeds, der denjenigen seiner Gefährten zum Frömmsten erklärt habe, der besser mit seiner Frau umgehe.

          Dabei sieht Khorchide westliche Werte wie die Würde des Menschen, die Gleichheit von Mann und Frau, Freiheit (auch Religionsfreiheit) und soziale Verantwortung nicht im Widerspruch zu den Maximen des Korans, im Gegenteil. Schnell sucht er Verse heraus, die dies belegen. Dass die meisten islamischen Länder Diktaturen sind und weder Menschenwürde noch Grundfreiheiten garantieren, sei nicht im Koran angelegt: Das geht auch anders. Während mancher fundamentalistische Muslim meint, staatliche Gesetze müssten den Regeln der Scharia angepasst werden, ist er der Überzeugung, man müsse den Anspruch der Religion begrenzen: Wird der Islam nur als ethische und spirituelle Quelle verstanden, gibt es keinen Konflikt. Wenn es gelänge, diese Auffassung unter den Muslimen in Deutschland mehrheitsfähig zu machen, brauchte der Verfassungsschutz keine muslimischen Fundamentalisten mehr zu observieren.

          Was aber, wenn Muslime in einem Land leben, in dem die Vorstellungen von Sitte und Moral weitaus freizügiger sind als ihre eigenen? Dürfen muslimische Mädchen im Bikini mit Klassenkameraden ins Schwimmbad? Darf eine Schülerin mit einem jungen Mann ausgehen, ohne dass ihr Bruder dabei ist? Für Khorchide sind das pädagogische Fragen, keine theologischen. Sollen doch die Eltern mit ihren Kindern Regeln aushandeln - aber bitte, ohne sich auf den Koran zu berufen, in dem es zu diesen Fragen ohnehin keine Antworten gibt.

          Unterschiedliche Spielarten des Islams kennengelernt

          Khorchides eigenes Interesse an Fragen der Religion erwachte, weil er als Kind unterschiedliche Spielarten des Islams in verschiedenen Ländern kennenlernte. Seine palästinensischen Großeltern flohen kurz nach der Gründung des Staates Israel in den Libanon; seine Eltern wanderten weiter nach Saudi-Arabien. Bei den Großeltern in Beirut lernte er einen liberaleren Islam kennen als den Wahhabismus Saudi-Arabiens. Die islamische Revolution in Teheran führte dazu, dass sich auch in Saudi-Arabien Frauen verschleiern mussten, weil zwischen den iranischen Ajatollahs und dem saudischen Königshaus ein Wettbewerb darüber ausbrach, ob Schiiten oder Sunniten die besseren Muslime seien. Vieles, was in Beirut erlaubt war, war in Riad plötzlich verboten. Wie konnte ein und dieselbe religiöse Überlieferung zur Grundlage für so verschiedene Lebensweisen werden?

          In Riad nahmen Khorchide und seine Geschwister Deutschunterricht - mit dem Ziel, in Deutschland zu studieren. Doch als Staatenlose bekamen sie kein Visum. Damit die Mühe nicht vergeblich blieb, fiel die Wahl auf Wien. Dort gab es einiges zu erleben: „In Riad lernte man in der Schule, dass der Westen die Menschenrechte mit Füßen trete. Ich hatte von Anfang an einen ganz anderen Eindruck.“ So konnte er in Österreich eine Krankenversicherung abschließen, die Staatsbürgerschaft annehmen und studieren - alles Erfahrungen, die ihm in Saudi-Arabien als Ausländer verwehrt gewesen waren. In Wien arbeitete Khorchide zunächst als Lehrer für islamischen Religionsunterricht und gründete ein privates Institut für interdisziplinäre Islamforschung, das Aufträge von der Stadt erhielt. Ehrenamtlich war er Imam einer kleinen deutschsprachigen Moscheegemeinde. Zuletzt war er Assistent am Lehrstuhl für islamische Religionspädagogik der Universität in Österreichs Kapitale.

          Auch in Münster hat Mouhanad Khorchide bereits angefangen, Drittmittel einzuwerben: Der Didaktik des Religionsunterrichts, theologischen Reformbewegungen in der arabischen Welt sowie dem „Islamic Banking“ will er sich widmen. Doch nun muss er zunächst mal den Studiengang islamische Religionspädagogik in Münster neu aufbauen, der seit Kalischs Abfall vom Glauben darniederliegt. Bis der islamische Religionsunterricht an öffentlichen Schulen ordentliches Lehrfach wird, dürften ohnehin noch ein paar Jahre vergehen. In den nächsten Wochen hat Khorchide erst mal ein paar praktische Probleme: 1,6 Tonnen Bücher schlummern noch in seinen Umzugskartons; auch die Regale dafür muss er erst noch aufbauen.

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