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Islamunterricht : Ein Mann in heikler Mission

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Was aber, wenn Muslime in einem Land leben, in dem die Vorstellungen von Sitte und Moral weitaus freizügiger sind als ihre eigenen? Dürfen muslimische Mädchen im Bikini mit Klassenkameraden ins Schwimmbad? Darf eine Schülerin mit einem jungen Mann ausgehen, ohne dass ihr Bruder dabei ist? Für Khorchide sind das pädagogische Fragen, keine theologischen. Sollen doch die Eltern mit ihren Kindern Regeln aushandeln - aber bitte, ohne sich auf den Koran zu berufen, in dem es zu diesen Fragen ohnehin keine Antworten gibt.

Unterschiedliche Spielarten des Islams kennengelernt

Khorchides eigenes Interesse an Fragen der Religion erwachte, weil er als Kind unterschiedliche Spielarten des Islams in verschiedenen Ländern kennenlernte. Seine palästinensischen Großeltern flohen kurz nach der Gründung des Staates Israel in den Libanon; seine Eltern wanderten weiter nach Saudi-Arabien. Bei den Großeltern in Beirut lernte er einen liberaleren Islam kennen als den Wahhabismus Saudi-Arabiens. Die islamische Revolution in Teheran führte dazu, dass sich auch in Saudi-Arabien Frauen verschleiern mussten, weil zwischen den iranischen Ajatollahs und dem saudischen Königshaus ein Wettbewerb darüber ausbrach, ob Schiiten oder Sunniten die besseren Muslime seien. Vieles, was in Beirut erlaubt war, war in Riad plötzlich verboten. Wie konnte ein und dieselbe religiöse Überlieferung zur Grundlage für so verschiedene Lebensweisen werden?

In Riad nahmen Khorchide und seine Geschwister Deutschunterricht - mit dem Ziel, in Deutschland zu studieren. Doch als Staatenlose bekamen sie kein Visum. Damit die Mühe nicht vergeblich blieb, fiel die Wahl auf Wien. Dort gab es einiges zu erleben: „In Riad lernte man in der Schule, dass der Westen die Menschenrechte mit Füßen trete. Ich hatte von Anfang an einen ganz anderen Eindruck.“ So konnte er in Österreich eine Krankenversicherung abschließen, die Staatsbürgerschaft annehmen und studieren - alles Erfahrungen, die ihm in Saudi-Arabien als Ausländer verwehrt gewesen waren. In Wien arbeitete Khorchide zunächst als Lehrer für islamischen Religionsunterricht und gründete ein privates Institut für interdisziplinäre Islamforschung, das Aufträge von der Stadt erhielt. Ehrenamtlich war er Imam einer kleinen deutschsprachigen Moscheegemeinde. Zuletzt war er Assistent am Lehrstuhl für islamische Religionspädagogik der Universität in Österreichs Kapitale.

Auch in Münster hat Mouhanad Khorchide bereits angefangen, Drittmittel einzuwerben: Der Didaktik des Religionsunterrichts, theologischen Reformbewegungen in der arabischen Welt sowie dem „Islamic Banking“ will er sich widmen. Doch nun muss er zunächst mal den Studiengang islamische Religionspädagogik in Münster neu aufbauen, der seit Kalischs Abfall vom Glauben darniederliegt. Bis der islamische Religionsunterricht an öffentlichen Schulen ordentliches Lehrfach wird, dürften ohnehin noch ein paar Jahre vergehen. In den nächsten Wochen hat Khorchide erst mal ein paar praktische Probleme: 1,6 Tonnen Bücher schlummern noch in seinen Umzugskartons; auch die Regale dafür muss er erst noch aufbauen.

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