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Islamophobie und Antisemitismus : Die neuen alten Juden

  • -Aktualisiert am

Demonstration gegen den Bau von Moscheen in Berlin Bild: picture alliance / dpa

Warum „Islamophobie“ in Europa nicht mit Antisemitismus gleichgesetzt werden kann. Weder im Wesen noch im Ausmaß. Ein Gastbeitrag.

          Vor dem Hintergrund, dass heftige Angriffe auf jüdische Glaubensgemeinschaften in ganz Europa zunehmen, lohnt es sich, eine der albernen Behauptungen noch einmal anzuschauen, die sich im Laufe der vergangenen zehn Jahre in der öffentlichen Diskussion festgesetzt hat: Muslime sind „die neuen Juden“.

          Vor einem Jahrzehnt bekam diese Behauptung neue Popularität, als Frankreich in Schulen das Tragen auffälliger religiöser Symbole  - darunter auch den islamischen Gesichtsschleier - verbat. In Dänemark lösten im darauffolgenden Jahr Zeitungscartoons, die den Propheten Mohammed porträtierten, Unruhen aus. Der gleichzeitige Aufstieg rechtspopulistischer Parteien, die oft antimuslimische Botschaften verbreiteten, verstärkte die Sicht- und Erzählweise, dass Muslime eine bedrohte Minderheit seien.

          „Nazismus erinnert uns daran, wie dünn die Kruste der europäischen Zivilisation ist und dass sie von der kleinsten oder nichtigsten Provokation durchbrochen werden kann“, schrieb Yasmin Alibhai-Brown 2006 im britischen Independent. Die Autorin stellte diese Worte ihrem vernichtenden Fazit voran: „Muslime sind heutzutage die neuen Juden Europas.“ Im gleichen Jahr nahm Sunday Times-Kolumnistin India Knight die Analogie auf, um den Parlamentarier Jack Straw zu verdammen. Er hatte seinem Unbehagen Ausdruck verliehen, das er bei Zusammentreffen mit vollverschleierten Wählerinnen empfand. Dass seine Aussage nicht für mehr Empörung gesorgt habe, so schrieb Knight, zeige deutlich, dass „die Jagd auf den Islam eröffnet ist – Muslime sind die neuen Juden.“

          Mohammed-Cartoons und der Breivik-Vorfall

          Die Plattheit, in der die Debatte geführt wurde, erreichte ihren Gipfel im Jahr 2011, als der rechtsextreme Anders Bering Breivik 77 Menschen umbrachte. Die meisten unter ihnen waren junge Mitglieder der norwegischen Arbeitspartei. Er tat dies, um gegen die Einwanderung von Muslimen zu protestieren und um anzuprangern, dass mit dem Thema seiner Meinung nach zu lasch umgegangen wird. Für viele bewies der Breivik-Vorfall, dass „Islamophobie“ Antisemitismus als das vorherrschende Vorurteil auf dem europäischen Kontinent ersetzt hat.

          Der Vorwurf, dass Muslime eine ähnliche Erfahrung machen, wie es der Holocaust für das europäische Judentum war, ist natürlich absurd. Es gibt kein Verbot für Eheschließungen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen wie es die Nürnberger Rassengesetze für Juden und Nichtjuden waren. Geschweige denn gibt es Todeslager für Anhänger des islamischen Glaubens. So beleidigend einige Muslime die Mohammed-Cartoons auch gefunden haben mögen, sie waren noch nichts im Vergleich zu dem, was täglich auf den Seiten des „Stürmers“ erschien. Selbst Breivik hat seinen Hass nicht an den Muslimen sondern an linken politischen Aktivisten ausgelassen.

          Diejenigen, die uns versichern, dass Muslime Juden als europäische Sündenböcke ersetzt haben, behaupten zweifellos nicht, dass es eine exakte Übereinstimmung zwischen den vergangenen Erfahrungen der Juden und den heutigen der Muslime gebe. Eher impliziert ihre Argumentation das unausweichliche, böse Ende: Die populären Haltungen gegenüber Muslimen und dem Islam, so sagen sie, erschaffen ein solches „Klima“, in dem sich die hässliche Geschichte Europas wiederholen könnte. „Ich wünschte, ich könnte dem 'Nie wieder- Mantra' glauben“, schrieb unlängst Mehdi Hasan, politischer Leiter der britischen Huffington Post, nachdem die Anti-Immigrationsparteien eine Rekordzahl an Sitzen im Europaparlament erhalten haben. „Aber diese europäischen Wahlergebnisse lassen mich daran zweifeln.“

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