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Islamophobie und Antisemitismus : Die neuen alten Juden

  • -Aktualisiert am

Juden haben nie Terrorangriffe durchgeführt

Es ist wahr, dass viele Europäer Vorurteile gegen Muslime haben. Würde man aber alle kritischen Einstellungen gegenüber dem Islam in einen Topf werfen, wäre das genauso falsch, wie zu behaupten, dass der Islam selbst und das Verhalten der Muslime keinen Anteil daran haben, dass negative Ansichten über sie entstehen. Juden haben nie Terrorangriffe auf Zivilisten durchgeführt, Fatwas gegen Cartoonisten ausgesprochen, die krummnasige Rabbis gezeichnet hätten, oder öffentlich zum Ziel erklärt, den europäischen Kontinent zu „erobern“, wie das prominente muslimische Vertreter wiederholt getan haben. Jüdische Schulen haben ihre Zöglinge nicht mit Hass auf die westliche Zivilisation indoktriniert. In einer aktuellen Untersuchung mit dem Spitznamen „das trojanische Pferd“ hat die britische Regierung dahingegen in diesem Jahr herausgefunden, dass in einigen Schulen in Birmingham eine „aggressive islamistische Agenda“ durchgesetzt wird. Die bunte Mischung des antimuslimischen Fanatismus, die von den Äußerungen des niederländischen Populisten Geert Wilders, der „weniger Marokkaner“ fordert, bis hin zum gelegentlichen Anpöbeln verschleierter Frauen reicht, aber mit dem eliminatorischen Antisemitismus zu vergleichen, wäre eine riesige Übertreibung der Herausforderungen, vor denen Muslime stehen.

Vieles von dem, was dieser Tage als „Islamophobie“ durchgeht – ein Konversationskiller, der jede Art von Islamkritik als „rassistisch“ bezeichnet – kann einfach nicht mit Antisemitismus gleichgesetzt werden, weder im Wesen noch im Ausmaß. Bedenken auszudrücken gegenüber den weitverbreiteten reaktionären Auffassungen in vielen muslimischen Gemeinden in Bezug auf Frauen, wie es der verstorbene niederländische Politiker Pim Fortyn getan hat, der übrigens wegen dieser Ketzerei umgebracht wurde, ist nicht rassistisch. Noch ist es vergleichbar mit dem Fanatismus, der Juden entgegengebracht wird. Früher und auch heute noch. In den Vereinigten Staaten gab es seit dem 11. September weitaus mehr antisemitische Angriffe als antimuslimische, wie FBI-Statistiken belegen. In Europa greift die Volksmenge nicht aufgebracht Muslime oder Moscheen an, wenn es einen islamistischen Terrorangriff gab. Wohingegen Juden regelmäßig angegriffen werden, wann immer es Spannungen im Nahen Osten gibt.

Dies alles sollte natürlich nicht verdecken, dass es wichtige Gemeinsamkeiten zwischen den Erfahrungen von Muslimen und Juden gibt. Sowohl damals wie heute. Der Anthropologieprofessor des Reed College, Paul Silverstein, sagte gegenüber dem San Francisco Chronicle im Jahr 2006, dass Muslime „Ziel einer ganzen Serie von Vorurteilen, Karikaturen und Ängsten sind, die nicht auf der Realität beruhen und unabhängig davon bestehen, ob eine Person schon einmal ein Erlebnis mit Muslimen hatte“. Ersetzen Sie hier „Muslime“ mit „Juden“ und Sie bekommen eine dienliche Definition von Antisemitismus. Im heutigen Europa sind sowohl Muslime als auch Juden Ziel von Kampagnen geworden, die deren traditionelle religiöse Praktiken ächten wollten. Zu nennen ist hier die Beschneidungsdebatte und die Diskussion über koscheres oder Halal-Essen. Militante europäische Säkularisten geben vor, dass sie sich um das „körperliche Wohl“ von Kindern oder den „Tierschutz“ sorgten, und verbreiten von Muslimen und Juden das Bild von barbarischen Völkern, die in der Vergangenheit leben. Vor zwei Jahren habe ich selbst in Deutschland den Höhepunkt der Antibeschneidungshysterie mitbekommen. Damals sah ich mich mit Werbekampagnen konfrontiert, die Juden und Muslime mit Kinderschändern gleichsetzten. Marine Le Pen, die Führerin der französischen Rechten, die sich selbst gern als Freund der Juden darstellt, hat dazu aufgerufen, nicht nur das Kopftuch in der Öffentlichkeit zu verbitten, sondern auch die Kippa.

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