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Intimchirurgie : Das genormte Geschlecht

  • -Aktualisiert am

14.000 Euro für ein neues Lebensgefühl?

Beckert hat lange überlegt, ob sie sich unter das Messer legen soll. Sie hatte Angst, dass im sensiblen, mit Nerven und Blutgefäßen durchzogenen Intimbereich etwas schiefgeht. Gress habe ihr versichert: „Bei mir ist noch nie etwas schiefgegangen.“ Mitte Dezember hat sie sich von ihm unter Vollnarkose operieren lassen. Etwas mehr als drei Stunden dauerte der Eingriff. Für das intimchirurgische Gesamtpaket zahlte die Lehrerin etwas mehr als 14.000 Euro, weniger als ein Drittel der Summe übernahm ihre Krankenkasse.

Heute, drei Monate später, sind die Schmerzen nach der OP verflogen, die Wunde ist verheilt, die Fäden haben sich selbst aufgelöst, und Ricarda Beckert war schon wieder im Fitnessstudio. „Es ist eine ganz neue Dynamik in mein Leben gekommen“, sagt sie. Und sie hat einen neuen Freund. „Jetzt habe ich den Mut, mich wieder auf jemanden einzulassen.“

Dient also die ganze Schnibbelei doch eher dem Wohle der Männer? Beckert wehrt ab: „Zu einer Beziehung gehört ja wohl auch, dass man sich um den anderen sorgt.“ Und außerdem: „Ich möchte mich doch begehrenswert fühlen. Das stärkt auch mein Selbstbewusstsein.“ Aber natürlich spricht auch aus solchen Sätzen eine gesellschaftliche Norm: Frau, fühl dich sexy! Der erste Sex nach der OP, sagt Beckert, sei jedenfalls für beide sehr intensiv gewesen.

„Ich liebe diese OPs“, schwärmt Gress. „Und ich sehe, wie die Patientinnen danach aufblühen.“ Beschwerden habe es bislang kaum gegeben, nur positive Rückmeldungen.

Intimchirurg vs. Sexualtherapeut

Auch wenn es etwas großspurig klingt: Die Aussagen decken sich mit den Ergebnissen der wenigen Studien, die zu dem Thema existieren. „Es gibt eine sehr hohe Patientinnenzufriedenheit nach Eingriffen in der Intimzone“, sagt auch Psychologin Borkenhagen. Viele sagten, sie könnten nach der Operation offener mit ihrer Sexualität umgehen. Was wiederum ihr Lustempfinden steigere.

Ist Lust nicht vielleicht doch eher eine Frage des Kopfes? Gress spricht von Patientinnen, die man lieber zum Sexualtherapeuten schicken sollte als zum Intimchirurgen. „Wenn die Frauen etwas an ihrem Genitalbereich kritisieren, das nicht objektivierbar ist, dann lehne ich einen Eingriff ab. Solche Patientinnen sind einfach schlecht fürs Image.“ Zugleich ist er fest davon überzeugt, dass sich die Resultate seiner Eingriffe objektivieren ließen, zumindest was die Vaginalstraffung anbelangt. Bei der Schamlippenkorrektur will er einen Placebo-Effekt nicht ganz ausschließen: „Aber wissen Sie: Letztlich ist es doch wurscht.“ Für ihn zählt das Ergebnis: guter Sex und gutes Aussehen.

Was aber, wenn das Ergebnis der Operation dem nächsten Modetrend in der Intimzone nicht standhält? Gress meinst: „Ich sage ja auch keiner Patientin, die ihre Nase kleiner operiert haben will: ,Achtung, vielleicht haben Sie in zwanzig Jahren wieder Lust auf einen Riesen-Zinken.‘“ Darüber müssten sich die Patientinnen selbst Gedanken machen. Aber eigentlich glaubt der Vagina-Picasso, dass seine intimchirurgische Harmonielehre eine zeitlose Ästhetik trifft. Frauen dürfte indes klar sein, dass die Schlacht um die weibliche Intimzone eröffnet ist.

Zahlen und Fakten zur Intimchirurgie 7000 Eingriffe in die Intimzone wurden in Deutschland 2011 vorgenommen, unter ihnen 5400 Schamlippenkorrekturen. Weitere Topseller waren Brustvergrößerungen (25.470 Eingriffe), Lidstraffung (24.290), Fettabsaugung (18.290). Mögliche Risiken intimchirurgischer Eingriffe sind nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe etwa Wundheilungsstörungen und Entzündungen, Sensibilitätsstörungen und sexuelle Funktionsstörungen. Ob die Eingriffe zu anhaltenden physischen und funktionellen Verbesserungen führen, lasse sich nicht belegen, heißt es in einer Stellungnahme der Gesellschaft aus dem Jahr 2009, die auch Stefan Gress mitunterzeichnet hat. Ausreichende wissenschaftliche Daten lägen bislang noch nicht vor. Auch die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen moniert, dass es auf dem Gebiet noch an Standards mangele. Das bedeutet auch: Bei unzureichenden Ergebnissen haben Patienten keine Grundlage für eine Klage vor Gericht. Die Gesellschaft für ästhetische und rekonstruktive Intimchirurgie Deutschland trifft sich an diesem Wochenende zu ihrer zweiten Jahrestagung in Leipzig.

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