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Intimchirurgie : Das genormte Geschlecht

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Das mögen Frau zunächst als Fortschritt werten. Nach dem Motto: Schaut her, ich bin nicht nur das Heimchen am Herd. Andererseits muss das weibliche Genital laut Borkenhagen nun einem Schönheitsideal standhalten, das es vorher gar nicht gegeben hat. Wir erinnern uns an ein Gespräch mit Freundinnen, die auf das Thema Intimchirurgie so reagierten: „Ach, darüber muss ich mir nun auch noch Gedanken machen?“ Mit der neuen ästhetischen Norm kommt neuer Druck.

Den meisten Männern ist die Länge der Labien egal

„Dabei haben wir für die Schamlippen überhaupt keine Normwerte“, echauffiert sich Borkenhagen. Gebärmutter und Eierstöcke sind längst vermessen, der Penis sowieso, dafür sorgten früher die Ärzte in der Armee, heute übernehmen es Kondomhersteller: Es gibt Durchschnittswerte zur Länge und Dicke, es gibt geographische und zeithistorische Vergleichsstudien. Nur zu den Organen der Frauen gibt es nicht viel, keine weiß also, was normal ist.

Normalität ist eine Kategorie, die Stefan Gress so gar nicht interessiert. „Normal ist wahrscheinlich so etwas“, sagt er und kritzelt einen neuen Entwurf aufs Blatt, er malt ziemlich lange, ziemlich asymmetrische Schamlippen. „Es interessiert, was gewünscht ist: die idealisierte Form.“

Mit der Vorstellung der idealen Intimzone kämen die Patientinnen schon in seine Praxis. Und mit Leidensdruck. „Sie sagen: Ich mag mich meinem Partner nicht mehr zeigen. Ich mache beim Sex das Licht aus. Ich schäme mich beim Oralsex.“ Gress erzählt: „Die machen das nicht für ihre Männer.“ Vielmehr sei die Länge der Schamlippen den meisten Männern ziemlich wurscht, sie sagten: „Schatzi, ich liebe dich, wie du bist.“ Das sei etwas anderes als bei Brust-OPs: „Da kommen die Männer gerne mit, manchmal mit dem Playboy in der Hand.“ In der Intimzone würden sich viele Frauen heimlich operieren lassen. Die Frauen sagten: „Ich mach’ das für mich.“

Gress hält nichts vom Schicksal

Es ist ein hübsches Selbstbild, das sich Gress da zurechtgelegt hat. Wenn er so als Befreier der gehemmten weiblichen Sexualität auftritt, der im Background-Chor leise summt, während die Frauen „Mein Körper gehört mir!“ anstimmen. Der im Gegensatz zu den traditionellen Gynäkologen, die ja bloß auf die Funktionsfähigkeit der Fortpflanzungsorgane schielten, die Lust der Frauen ernst nimmt, als ihren ganz legitimen Anspruch.

Für Ricarda Beckert hat mit Gress tatsächlich so etwas wie ein zweites Leben begonnen. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes, erzählt die Lehrerin, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sei nichts mehr so wie vorher gewesen. „Ich hatte Probleme beim Joggen und beim Fahrradfahren.“ Bei den Entbindungen war ihre Vagina so gedehnt und der Beckenboden so strapaziert worden, dass sie auch beim Sex kaum noch etwas spürte. „Das kann man ja keinem Mann zumuten“, sagt Beckert. All ihre Bemühungen, das Gewebe auf natürliche Weise zurückzubilden, all der Sport und die Beckenbodengymnastik hätten nichts gebracht.

Immer öfter hat Gress nach eigener Aussage mit Frauen zu tun, die mit der Geburt die Lust verlieren. „Die Gynäkologen vermitteln den Frauen: Ihr habt keinen Spaß mehr beim Sex? Nun, das müsst ihr jetzt schicksalhaft hinnehmen.“ Gress hält nichts vom Schicksal. Sein chirurgisches Angebot läuft unter dem Schlagwort „Geburtsfolgenkorrektur“.

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