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Intimchirurgie : Das genormte Geschlecht

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Inzwischen behandelt der Plastische Chirurg - der auch Brüste vergrößert, faltige Hälse strafft und Fett absaugt, der „Ich mach’ alles“ sagt und dann lacht - jede Woche etwa zehn Patientinnen im Intimbereich. Mehr als 3000 intimchirurgische Eingriffe kann er bereits verbuchen. Gress strafft die Vagina (7500 Euro), er spritzt den G-Punkt auf oder vielmehr jene Region der Klitoris, in der Ernst Gräfenberg diesen ominösen Punkt einst vermutete (ab 1700 Euro); diese Vergrößerung verspricht mehr Reibung beim Sex und soll die Orgasmusfähigkeit der Frau erhöhen.

Bisweilen korrigiert Stefan Gress auch die misslungenen Ergebnisse seiner Kollegen: Intimchirurgie ist ein Wachstumsmarkt, viele Gynäkologen oder Plastischen Chirurgen wollen ein Stück vom Kuchen abhaben. Doch längst nicht alle sind ausreichend qualifiziert. Aber das Hauptgeschäft in der Intimzone, nämlich 75 Prozent aller Eingriffe, macht Stefan Gress mit den Schamlippen (ab 3100 Euro).

„Wie ein Brötchen soll’s ausschauen“

Wer über kürzere Schamlippen reden will, kann von der Intimrasur nicht schweigen. Wir trinken Kaffee und kommen auf die Brötchen zu sprechen. „Heute sind ja viele Frauen komplett rasiert“, sagt Gress. „Da werden anatomische Unzulänglichkeiten einfach sichtbar.“ Was der Mediziner hier mit anatomischen Unzulänglichkeiten meint, ist eine ästhetische Norm, die sich unsere Gesellschaft ausgedacht hat: Wenn bei einer Frau das Gewebe der inneren Schamlippen zwischen den äußeren hervorlugt, dann ist das kein medizinischer Notfall, das Bild widerspricht aber dem aktuellen Schönheitsideal der Intimzone, das von zwei glatten, geschlossenen Hälften kündet, von prallen äußeren Labien, welche die inneren umschließen. „Wie ein Brötchen soll’s ausschauen“, sagt Gress, „oder wie eine Muschel.“

„Oder wie eine kindliche Vagina“, sagt die Psychologin und Therapeutin Ada Borkenhagen. Wir haben vor unserem Treffen in München mit ihr telefoniert, sie forscht an der Universität Leipzig seit einigen Jahren zum Thema Körperoptimierungen, zu Botox, Brustvergrößerungen und auch zu Intimchirurgie. Sie sagt: „Erst durch die Rasur der Schamhaare wird das weibliche Genital öffentlich.“ Noch vor fünfzig Jahren war der Intimbereich eine Zone, die im Verborgenen lag und zum Tabu erklärt wurde.

Die Rasur enttarnt

Dann entdeckten die Frauen die Rasur. In den Zwanzigern kam der erste Rasierer für Frauen auf den Markt, sagt Borkenhagen, fortan galten Achselhaare als ungepflegt. Nach dem kurzen Pro-Haar-Intermezzo, das die Achtundsechziger in Deutschland propagierten, nahm der „Enthaarungsimperativ“ wieder neue Fahrt auf und wurde letztlich auf die Bikinizone übertragen. Ende der Neunziger, hat Borkenhagen rekonstruiert, traten in Pornofilmen die ersten Darstellerinnen untenherum rasiert auf. 2009 bekannte sich bereits die Hälfte der Frauen zwischen 18 und 25 Jahren nach repräsentativen Umfragen zur Intimrasur. Und umso jünger die Frauen sind, desto öfter sind sie in der Bikinizone rasiert. Desto mehr wird das weibliche Genital in die Öffentlichkeit gerückt.

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