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Mittelalter-Forschung : Menschen brauchen Monster

  • -Aktualisiert am

Cyclopes, einäugige Riesen. Manchmal als Menschenfresser oder als Wildfleischfresser beschrieben. Bild: Reproduktion Rudolf Simek

Rudolf Simek hat ein Buch über mittelalterliche Monster geschrieben. Die haben nichts mit Gruselgeschichten zu tun, sondern viel mit Moral. Ein Gespräch über Monster und darüber, was sich von ihnen lernen lässt.

          6 Min.

          Professor Simek, Sie sind ein Experte für mittelalterliche Monster. Erklären Sie mal: Was ist ein Monster?

          Ein Monster im Mittelalter war ein Mensch oder ein Volk von Menschen, das sich durch den Körper, die Ernährung oder das soziale Zusammenleben von den Europäern unterschied. Und zwar so, dass es als moralisches Beispiel verwendet werden konnte. Aber warten Sie, ich habe Ihnen ein Monster mitgebracht (greift neben sich in eine Plastiktüte.)

          Echt? Zeigen Sie her!

          Ich hab hier eins, ein echtes Monster (zieht ein Alf-Kuscheltier heraus)! Beschreiben Sie mal Alf.

          Okay. Alf kann sprechen. Er hat einen ähnlichen Körperbau wie ein Mensch, obwohl die Nase viel größer ist. Und er hat einen ziemlich starken Haarwuchs.

          Bis jetzt haben Sie mich beschrieben. Was ist an Alf anders?

          Er isst Katzen. Und er ist sehr klein.

          Da haben wir es. Mittelalterliche Monster waren - mit wenigen Ausnahmen - dem Menschen unterlegen. Entweder hatten sie keine Kleidung, keine Häuser, oder sie aßen ganz komische Nahrung. Oder ihr Körper war auf die eine oder andere Weise mangelhaft. Monster waren deshalb eigentlich nicht bedrohlich. Meines Erachtens waren sie im Mittelalter eher etwas Bemitleidenswertes.

          Panotii, Großohren. Besitzen riesige Ohren, mit denen sie sich bedecken können. Ein hervorragender Sonnen- und Kälteschutz Bilderstrecke
          Panotii, Großohren. Besitzen riesige Ohren, mit denen sie sich bedecken können. Ein hervorragender Sonnen- und Kälteschutz :

          Ich denke bei Monstern eigentlich eher an fiese Zähne und fette Krallen.

          Heute ist das so. Nach mittelalterlicher Definition aber nicht. Monster hatten immer etwas Menschliches an sich. Deshalb wurden Drachen oder andere monströse Tiere auch nicht als Monster bezeichnet.

          Sie sagten am Anfang: Monster sollten als moralisches Beispiel dienen. Wie meinten Sie das?

          Die Abweichungen - man könnte auch sagen: die Mängel - der Monster sollten auf mögliche moralische Defizite der Menschen hinweisen. Oder auch darauf, dass Gott die menschlichen Völker viel vielfältiger konzipiert hat, als wir das aus dem eurozentrischen Blick sehen.

          Warum haben Menschen sich überhaupt mit Monstern beschäftigt?

          Ich glaube, dass die Menschen Monster brauchen.

          Wieso?

          Um sich als Gruppe zu definieren. Im Mittelalter hieß das: als Europäer. Die Menschen fragten sich, was an ihnen eigentlich normal ist. Und was an den anderen anders war. Leute in Nordafrika waren auch Menschen, aber eben schwarz. Andere aßen fremde Dinge. Oder sie hatten Missbildungen. Mit diesen Unterschieden mussten die Leute im Mittelalter irgendwie umgehen.

          Man braucht eine identitätsstiftende Abgrenzung doch nur, wenn man viel Kontakt mit dem Fremden hat, oder? Heute ist das so, aber im Mittelalter traf man selten auf andere Kulturen.

          Dass man im Mittelalter nicht viel herumkam, ist ein Mythos. Klar, der leibeigene Bauer ist nie von seiner Scholle weggekommen. Aber alle anderen, Kleriker, Kaufleute, Soldaten, Könige und Adlige, später die Studenten und Handwerker - die waren alle pausenlos unterwegs! Es gab sehr viele Geschichten über Monster. Sie wurden von Augenzeugen manchmal abgeschwächt oder wie bei Marco Polo aufgefettet. Einer der einflussreichsten Schreiber war John Mandeville. Er ist zwar überhaupt nicht gereist, hat überall abgeschrieben. Trotzdem beschreibt er am überzeugendsten die damals als monströs empfundenen Völker und Sprachen. Und er erzählte dann zum Beispiel, dass es in manchen Regionen Völker gebe, die den Darm hinten raushängen hätten, weil es dort so heiß sei, dass sie ihn kühlend ins Meer hängen lassen müssten.

          Ich mag es sehr, dass bei den Erzählungen über Monster so mit dem Körper gespielt wurde. Dass es etwa Monster gab, die sich ihre Lippe als Kapuze überziehen konnten.

          Die Menschen im Mittelalter liebten das auch. Hat man im Mittelalter an Wundermenschen oder Monster geglaubt? Ich denke, das wäre die falsche Fragestellung. Man nahm die Wundermenschen zur Kenntnis und verwendete sie als literarisches Mittel. Man verarbeitete damit Unterschiede und Ängste. 

          Ich war überrascht, wie viele Monster es im Mittelalter gab, das waren ja Hunderte!

          Ja, die meisten sind leider heute vergessen. Dabei waren die oft so putzig! Da gab es Zeichnungen von Menschenfressern, die aßen die Leute wie einen Döner. Mein Liebling ist ein Hundsköpfiger, der einen Rock aus Hundehaaren trägt und an einem Spazierstock geht. Toll!

          Meine Lieblingsmonster sind die, die so große Ohren haben, dass sie sich damit zudecken können.

          Die Panotii - ja, alle lieben die! Meine sonstigen Lieblinge sind die Skiopoden, also die Schattenfüßler. Im Mittelalter haben sie eine Umdeutung erfahren. In der Antike hieß es, die Skiopoden seien ein Volk, das auf dem Rücken liege im heißen Afrika oder dem sagenumwobenen Südkontinent, der terra australis. Um sich vor der Sonne zu schützen, hätten sie nur einen großen Fuß, der ihnen als Sonnenschirm dient. Im spätmittelalterlichen Europa, als es durch die beginnende kleine Eiszeit viel geregnet hat, wurden sie dann einfach mit einem Schwanenfuß abgebildet, der als Regenschirm funktioniert. Ich finde das sehr apart, dass man auf diese Idee kommt.

          Eine Stelle in Ihrem Buch fand ich besonders interessant: Da schreibt ein mittelalterlicher Theologe, dass es ein Ding wie die Chimäre, was kein Monster ist, weil gänzlich tierisch, gar nicht geben könne, und man deshalb rationale Erklärungen für sie suchen müsse. Warum sucht er diese Erklärung nicht auch für die Monster?

          Eine Chimäre besteht aus verschiedenen Tieren. Sie hätte niemals durch normale Zeugung entstehen können. Das war jedem mittelalterlichem Menschen klar. Bei allem, was menschlich ist, ist das nicht so einfach. Es gab im Mittelalter viele Menschen mit schweren Fehlbildungen, die nicht versteckt oder operiert wurden. Ich kenne heute nur einen Menschen, der sechs Finger an einer Hand hat. Diese Missbildung soll aber extrem häufig sein, eins in fünfhundert. Kennen Sie jemanden?

          Nein.

          Ein sechster Finger wird heute sofort wegoperiert. Starke genetische Störungen werden häufig abgetrieben. Aber einem mittelalterlichen Kleriker, der zu einer Nottaufe gerufen wurde, weil er ein Kind taufen sollte, das vielleicht nur noch eine Stunde zu leben hatte - denn Taufen musste man es ja unbedingt -, dem war natürlich bewusst, dass dort ein Wundermensch geboren war. Im mittelalterlichen Sinn also etwas Wunderbares oder Wunderliches.

          Dann könnte man vielleicht sagen, Monster sind heute nicht mehr menschlich, weil wir zu wenig Kontakt mit dem Monströsen an uns selbst haben? Vor einiger Zeit gab es die Diskussion, ob man zu dünne Models im Fernsehen zeigen dürfe. Heute soll alles Abnorme am besten aus dem Sichtfeld entfernt werden, so als ob alles, was von der Norm abweicht, überhaupt nicht existierte.

          Es war ein Vorteil des Mittelalters und vielleicht auch eine Bedingung für die Monster, dass man die Breite von Gottes Schöpfung sah, um in der mittelalterlichen Terminologie zu sprechen. Wir werden dagegen immer eingeschränkter.

          Trotzdem glaube ich, würden die meisten Leute das Gegenteil behaupten. Sie würden sagen: Wir sind heute alle so tolerant und akzeptieren sehr viel Unterschiedlichkeit. Warum ist die ganze Sache auf den Kopf gestellt?

          Das hat mich lange beschäftigt. Ich denke, das hat etwas mit der Ablehnung des Mittelalters, vor allem des katholischen Mittelalters zu tun. Erstens durch die Reformation und den Humanismus, zweitens durch die Aufklärung. Alles, was nach Klerikalismus roch, wurde in diesen beiden Perioden prinzipiell als dumm und rückschrittlich abgelehnt. Ein gutes Beispiel ist die flache Erde. Dass die Menschen im Mittelalter meinten, die Erde sei eine Scheibe, stimmt nicht. Diese Behauptung ist völlig haltlos und eine reine Erfindung der Neuzeit. Diese Idee vom Mittelalter hat sich aber durchgesetzt, und wenn wir heute sagen: Du hast ja mittelalterliche Auffassungen, dann ist das ganz böse gemeint. Für mich ist es nicht so. Umberto Eco sagte einmal: Ich erlaube mir keine Urteile über die Gegenwart. Denn das Mittelalter kenne ich aus erster Hand, die Gegenwart aber nur aus dem Fernsehen. Und das stimmt auch für mich.

          Wie meinen Sie das?

          Ein Krieg hatte etwas mit herumfliegenden Leichenteilen zu tun und nicht mit Bildschirmen und Knöpfen. Bei jedem mittelalterlichen Turnier konnte man erleben, wie irgendwem ein Körperteil raushing. Heute kommen die Sanitäter bei einem Unfall auf der Autobahn gleich mit Planen und sperren alles ab. Damit man nichts sieht. Die Natur erlebt man eh nicht mehr. Oder Agrarwirtschaft. Wir kennen auch die meisten Produktionsformen nicht aus erster Hand.

          Ob das Monströse menschlich ist - darüber diskutierte das Mittelalter so viel, weil die Frage der Taufe unmittelbar damit zusammenhing. Die Diskussion war aber total theoretisch. Mit der Entdeckung Amerikas, dem Beginn der Neuzeit wird die Diskussion plötzlich ganz praktisch.

          Ja, das ist sehr spannend. Von den Monstern hieß es immer, sie lebten in der Distanz, in der Peripherie, fern im Osten, hoch im Norden oder auf dem nie entdeckten vierten Kontinent, der terra australis. Und plötzlich, Ende des 15. Jahrhunderts, ist er da, der novus orbis, und da gibt es tatsächlich Menschenfresser und Wesen, die einfach ganz anders ausschauen. Was tun mit diesen Geschöpfen? Die Entdecker, die alle wirtschaftliche Interessen verfolgten, wollten sie ausbeuten. Die Kleriker sagten: Nein, das sind Menschen, wir müssen sie taufen.

          Es gewannen die Ausbeuter.

          So einfach ist das nicht. Denn es wurden sehr schnell Gesetze von der spanischen Krone eingeführt. Die Wundermenschen durften nicht im Stall eingesperrt werden, und sie mussten ein Recht auf Fortpflanzung haben. Außerdem mussten sie nach ein paar Jahren aus der Leibeigenschaft entlassen werden. Inwiefern das dann auch wirklich durchgeführt wurde, dazu fehlen uns weitgehend die Dokumente. Aber dass es überhaupt ein solches Menschenrecht gab, hat viel mit der Diskussion um die Menschlichkeit der Monster zu tun gehabt. Voriges Jahr war der 500. Geburtstag dieser Gesetze. Niemand hat ihn gefeiert. Dabei war es eigentlich die Geburt der Menschenrechte.

          Ich muss jetzt doch noch mal auf Alf zu sprechen kommen: Wie dient er uns als moralisches Beispiel?

          Er weicht zweifellos in vielem von normalen Menschen ab. Aber er hat dennoch eine hochentwickelte Intelligenz und ist dazu eigentlich noch recht liebenswert. Aber sein Umgang mit anderer Leute Kreditkarten kann uns allen als abschreckendes Beispiel dienen!

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