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Interview mit Dermatologin : „Beim Sex übertrumpft die Haut das Hirn“

Das Buch „Darm mit Charme“ war ein Erfolg, Ihr Hautbuch könnte einer werden. Kommt es nur mir so vor, oder ist das etwas Neues: Körperteile nicht über Krankheiten zu problematisieren, sondern ihnen zu huldigen?

Ich bin jetzt 19 Jahre Ärztin – für mich ist die Haut ein tolles und faszinierendes Organ, aber auch mit vielen Tabus besetzt. Ich sehe jeden Tag in meiner Sprechstunde, wie viel Aufklärungsbedarf und Unsicherheiten bestehen. Wenn man versteht, wie die Haut funktioniert, kann man sie auch besser schützen. Genau hier will ich mit meinem Buch ansetzen, aufklären und informieren. Sie nennen es „huldigen“, ich sage: Wir sollten uns und unseren Körper in der Tat mehr lieben und uns nicht ständig leidvoll mit den oft nur vermeintlichen Makeln beschäftigen.

Ihre Praxis ist eine Privatpraxis. Warum?

Weil ich ganz viel und lange reden muss und möchte. Ich gucke meine Patienten von Kopf bis Fuß an, wir reden über Pflege, Ernährung, Seele, Mikronährstoffe, Darmbakterien, Therapieoptionen. Ich versuche meine Patienten mündig zu machen und ihnen ganz viel Handwerkszeug mitzugeben, damit sie sich gut um sich selbst kümmern können. Ich habe früher in einer Kassenpraxis gearbeitet und hatte immer das Gefühl, ich kann gar nicht ausreichend erklären, was wichtig wäre, um mit der eigenen Hautkrankheit umzugehen.

Weil von der gesetzlichen Kasse nicht so viel Zeit bezahlt wird?

Ja. Man muss viel mehr Patienten pro Zeiteinheit unterbringen. Und dann guckt man eben nur auf eine Stelle, zum Beispiel auf den Fuß, und verordnet eine Creme. Wenn da aber ein hartnäckiger Fußpilz ist, muss man eigentlich immer auch die Beine mit anschauen und etwa nach versteckten Krampfadern suchen. Die sorgen nämlich dafür, dass der Stoffwechsel und das Immunsystem im Fuß ungünstig beeinflusst werden und Krankheiten sich festsetzen können. An die Wurzel zu gehen und ganzheitlich zu arbeiten, das klappt in einer Kassenpraxis zumindest für mich nicht. Ich habe neben den Privatversicherten auch selbstzahlende Kassenpatienten. Für sie versuche ich eine Art medizinischer Lotse zu sein und kläre mit ihnen: Nach welchen Behandlungsmöglichkeiten sollten sie ihre Kassenärzte fragen? Was zahlt die Kasse? Was ist sinnvoll und was nicht?

Und das erfahren sie in Kassenpraxen nicht?

Es gibt viele tolle Ärzte, die ihren Beruf sehr ernst nehmen und die in der kurzen Zeit in der Kassenmedizin vielen Menschen helfen. Aber ich merke, dass die Patienten immer noch ein großes Informationsbedürfnis haben. Dafür scheint im gesetzlichen System oft keine Zeit zu sein. Das ärztliche Gespräch ist einfach total unterbewertet – nicht nur in der Kassen-, sondern auch in der Privatmedizin.

Dr. Yael Adler

Yael Adler leitet seit 2007 eine dermatologische Praxis in Berlin. Ihr Buch „Haut nah“ ist Anfang September im Verlag Droemer Knaur erschienen, hat 336 Seiten und kostet 16,99 Euro.

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