https://www.faz.net/-gum-simn

Interview : „Lärm stört beim Lernen“

  • Aktualisiert am

Stühlekippeln, Husten, Füßescharren - Lärm im Unterricht Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

An diesem Dienstag ist der „Tag gegen Lärm“. Vor allem Schüler leiden unter akustischen Belastungen. Im Interview mit der F.A.Z. erklärt Expertin Maria Klatte, warum gerade die Jüngsten gefährdet sind und was man dagegen tun kann.

          2 Min.

          An diesem Dienstag ist der „Tag gegen Lärm“. Vor allem Schüler leiden unter akustischen Belastungen. Im Interview mit der F.A.Z. erklärt Expertin Maria Klatte, die über Akustik in Schulräumen und ihre Wirkung auf Schüler geforscht hat, warum der Nachwuchs besonders gefährdet ist und was man dagegen tun kann.

          Nicht nur am „Tag gegen Lärm“ an diesem Dienstag klagen Schüler und Lehrer über den Lärm im Klassenzimmer. Warum ist gutes Hören gerade bei Grundschulkindern so wichtig?

          Die Kinder sind noch nicht fertig mit dem Hörenlernen, wenn sie in die Schule kommen. Das Sprachverstehen ist eingeschränkt, wenn es laut ist. Je jünger die Kinder sind, desto stärker wird das Verstehen beeinträchtigt. Lärm stört beim Lernen.

          Dabei besteht Unterricht hauptsächlich aus Zuhören!

          Deshalb muß die Akustik in Klassenräumen hervorragend sein. Unter ungünstigen akustischen Bedingungen muß man fehlende Informationen ergänzen und darf auf Störgeräusche nicht reagieren. Das fordert die Sprachverarbeitung und die Aufmerksamkeitskontrolle. Diese Funktionen entwickeln sich während der Grundschulzeit noch. Die Sprachwahrnehmung ist erst etwa mit zwölf Jahren so robust wie bei Erwachsenen.

          Störgeräusche wirken vorher also gewissermaßen doppelt?

          Ja. Wenn man lesen und schreiben lernt, muß man sich sprachliche Informationen kurzzeitig merken können. Geräusche wirken aber sehr ungünstig auf das Kurzzeitgedächtnis. Je jünger die Kinder sind, desto massiver wirken sich Störgeräusche aus.

          Schulen sind oft in alten Gebäuden mit hohen Räumen untergebracht. Ist dort die Akustik schlechter?

          Nein, auch in Neubauten findet man Räume mit langer Nachhallzeit. Das ist die Dauer, in der ein Geräusch in einem Raum nachklingt. In der im Jahr 2004 revidierten DIN 18041 wird gefordert, die Nachhallzeit solle im Mittel bei 0,55 Sekunden liegen. Dieser Wert wird nach unserer Einschätzung in den meisten Klassenräumen überschritten. In manchen Räumen wurde sogar mehr als eine Sekunde gemessen.

          Warum ist der Nachhall so schlimm?

          Die Geräusche bleiben im Raum stehen. Stühlekippeln, Husten, Buchauspacken, Füßescharren - das alles klingt lauter, als es ohnehin schon ist. Von Schülern hören wir: „Die Lehrer sagen immer, wir sollen leise sein, aber wir sind gar nicht so laut.“ Und in der Tat bekommt man in solche Räume schwer Ruhe hinein.

          Welche Schallwerte werden erreicht?

          Ab 85 Dezibel sind langfristig Gehörschäden zu erwarten. Das tritt im Schulunterricht in der Regel nicht auf. Aber die Werte liegen oft weit über 55 Dezibel, dem alten Grenzwert für Arbeitsplätze mit überwiegend geistiger Tätigkeit.

          Sind neue Lernformen noch lauter?

          Gruppen- und Freiarbeit sind natürlich positiv. Die reinen Zuhörphasen sollten bei Kindern ohnehin kurz sein, denn auch die Aufmerksamkeitsspanne ist kurz. Aber neue Lernformen gehen auch einher mit höherem Lärmpegel. Gerade deshalb müssen die Räume eine gute Akustik haben.

          Haben schon Schulen auf Ihre Erkenntnisse reagiert?

          Ja, wenn Schulen oder Kindertagesstätten gebaut werden, wird heute die Akustik zunehmend berücksichtigt. Es ist nicht teuer, wenn man von Anfang an schallabsorbierende Materialien nutzt. Das Problem sind die Altlasten, denn da kostet es Geld.

          Was kann gemacht werden?

          Es beginnt damit, die Filzunterlagen von Tischen und Stühlen zu erneuern. Schlechtes Mobiliar kann erheblich zur Lärmentstehung beitragen. Raumakustiker empfehlen, Akustikdecken aus Absorbermaterialien einzubauen. Teppichböden sind leider aus hygienischen Gründen keine Lösung, weil sie leicht verschmutzen und Reinigungsmittel zudem Allergien hervorrufen können. Aber auch glatte Bodenbeläge, etwa aus Kautschuk, helfen. In manchen Grundschulen ziehen die Kinder auch einfach in der Klasse Hausschuhe an.

          Und das alles wirkt entspannend?

          In unseren Untersuchungen und auch in denen von Kollegen des Bremer Instituts für Interdisziplinäre Schulforschung zeigte sich, daß die Kinder in akustisch günstigen Räumen bei Aufgaben zum Sprachverstehen besser abschneiden und sich insgesamt leiser verhalten. Davon profitieren auch die Lehrer. Denn auch für sie ist der Lärm normalerweise einer der größten Belastungsfaktoren.

          Weitere Themen

          Ankläger beschreibt George Floyds Tod Video-Seite öffnen

          Schlussplädoyer : Ankläger beschreibt George Floyds Tod

          Im Prozess um den gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd ist die Anklage hart mit dem angeklagten Ex-Polizisten Derek Chauvin ins Gericht gegangen. Der Staatsanwalt zeichnete in seinem Schlussplädoyer die letzten Minuten im Leben des Opfers nach.

          9609 Neuinfektionen, Inzidenz sinkt auf 162

          Corona in Deutschland : 9609 Neuinfektionen, Inzidenz sinkt auf 162

          Robert-Koch-Institut hat binnen eines Tages 9609 Corona-Neuinfektionen und 297 Todesfälle registriert. Die Fallzahlen gehen danach zurück, die Zahl der Opfer bleibt etwa gleich. Die bundesweite Inzidenz sank von 165,3 auf 162,4.

          Topmeldungen

          Auf der Covid-19-Station, einem Bereich der operativen Intensivstation im Universitätsklinikum Leipzig, versorgen Intensivmediziner und Pflegekräfte Patienten.

          Corona in Deutschland : 9609 Neuinfektionen, Inzidenz sinkt auf 162

          Robert-Koch-Institut hat binnen eines Tages 9609 Corona-Neuinfektionen und 297 Todesfälle registriert. Die Fallzahlen gehen danach zurück, die Zahl der Opfer bleibt etwa gleich. Die bundesweite Inzidenz sank von 165,3 auf 162,4.
          Am 19.4.21 ging es bei „Hart aber fair" um Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin der Grünen. V.l. :Anton Hofreiter (B‘90Grüne), Helene Bubrowski (F.A.Z).

          TV-Kritik: Hart aber fair : Toll!

          Auf Pro Sieben gab es eine bemerkenswerte Neuerung: Dort verzichteten die Interviewer gleich gänzlich auf jeglichen Anschein des Denkens. Damit jedoch könnten sie die politische Reklame der Grünen kurioserweise auf den Punkt gebracht haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.