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Interview : Glaziologe: Abriss der Eiszunge war ein ganz normaler Vorgang

  • Aktualisiert am

Die Antarktis stößt ihre Gletscherzungen ab Bild: dpa/FAZ.NET

FAZ.NET sprach mit Hans Oerter, Glaziologe beim Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven.

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          In den vergangenen Wochen haben gewaltige Abbrüche von Schelfeismassen in der Westantarktis für Aufsehen gesorgt. Legen diese Vorgänge möglicherweise Zeugnis ab von der globalen Klimaerwärmung? Und hat sich die Abschmelzung von polarem Gletschereis möglicherweise beschleunigt? FAZ.NET sprach mit Hans Oerter, Glaziologe am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven. Der Wissenschaftler war bereits neunmal bei Expeditionen in der Antarktis dabei.

          Herr Oerter, können sich weitere Eismassen von der Antarktis ablösen? Amerikanische Wissenschaftler sprechen sogar von einem Kollaps?

          Mit Sicherheit werden sich weitere Eismassen vom antarktischen Eisschild bzw. den vorgelagerten Schelfeisen ablösen. Dieser Vorgang ist aber notwendig, um die gesamte Eismasse der Antarktis im Gleichgewicht zu halten. Da es in der Antarktis stetig, wenn auch wenig schneit, also immer neue Eismasse zugeführt wird, muss auf der anderen Seite auch wieder Eismasse abgebaut werden.

          Also war der Abriss der Eiszunge am Thwaites-Gletscher in der Westantarktis ein ganz normaler Vorgang?

          Ja, das Eis fließt kontinuierlich vom Kontinent ab, während das Kalben von Eisbergen in größeren zeitlichen Abständen erfolgt. Auf diese Weise driftet eben beispielsweise die Eismasse, die vielleicht in 20 oder 30 Jahren in ein Schelfeis hineingeflossen ist, auf einmal als Rieseneisberg ab.

          Was hat es zur Folge für den globalen Meeresspiegel, wenn sich weitere Eismassen lösen?

          Wenn weitere Eisberge von den Schelfeisen abbrechen, hat dies keine Folgen für den Meeresspiegel. Denn das Schelfeis schwimmt bereits. Was den Meeresspiegel angeht, so kann der von schmelzenden, auf Grund aufliegenden Eismassen, das was wir gemeinhin als Gletscher bezeichnen, beeinflusst werden.

          Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass es in der Antarktis offenbar zunehmend kälter und ungemütlicher wird. Während die Durchschnittstemperaturen der Erde insgesamt ständig leicht angestiegen sind, sanken sie auf dem eisigen Südkontinent ab.

          Die Meldungen über ein Abkühlen der Antarktis beziehen sich auf Messungen für die Zeit von 1986 bis 2000. Außerdem werden dazu Ergebnisse von Modellrechnungen für den Bereich der Antarktis und des die Antarktis umgebenden Südozeans herangezogen. Tatsächlich ergab diese Studie eine mittlere Abkühlung von 0,7°C pro Dekade. Ich würde aber davor warnen, den Trend, der sich aus 14 Jahren Messreihe ergibt, beliebig weit in die Zukunft zu extrapolieren.

          Generell heißt es aber doch, dass die Temperaturen weltweit ansteigen. Wie passt das mit der scheinbaren Abkühlung in der Antarktis zusammen?

          Wenn sich die Lufttemperaturen im globalen Mittel erhöhen, heißt das nicht, dass es überall um den gleichen Betrag wärmer werden muss. Es gibt Gegenden, die sich stärker erwärmen als andere und manche Gebiete mögen sich auch abkühlen.

          Manche Antarktisforscher behaupten, das Larsen-Schelfeis würde zerfallen. Meteorologischen Aufzeichnungen belegen für die vergangenen 50 Jahre auf der Antarktischen Halbinsel einen kontinuierlichen Anstieg der Temperaturen um rund 2,5° Celsius. Wird es in der Antarktis nun kälter oder wärmer?

          Das ist kein Gegensatz. Im Bereich der antarktischen Halbinsel wird es wärmer, während es in anderen Teilen der Antarktis kühler wird. Sie finden vergleichbare Erscheinungen auch in Europa. Während die Gletscher der Alpen kräftig an Masse verlieren, wachsen norwegische Gletscher.

          Steht das im Zusammenhang mit der globalen Klimaveränderung?

          Die Ereignisse auf der antarktischen Halbinsel müssen im Augenblick wohl als lokales Phänomen gedeutet werden. Es steht aber natürlich im Zusammenhang mit der globalen Klimaentwicklung. Warum es aber gerade auf der Halbinsel zur Zeit so viel stärker wärmer wird als anderswo auf der Erde kann noch nicht erklärt werden.

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