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Interview : „Ein Du allein bedeutet nicht viel“

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Im Fitnessstudio ist das „Du” ganz normal Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Im Fitnesstudio ist es normal, dass sich alle duzen. Aber ansonsten? Duzt man heute auch den Chef? Wann sollte man Bekannten das „Du“ anbieten? Wann passt das „Sie“ besser? Ein Linguist berichtet vom heiklen Hantieren mit der Anrede.

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          Status, Solidarität und Vertrautheit: Wann passt das „Sie“, wann ist man reif fürs „Du“ - und was, wenn der Übergang schiefgeht? Der Linguist Martin Hartung berichtet vom heiklen Hantieren mit der Anrede.

          Herr Dr. Hartung, es kommt mir vor, als werde mehr geduzt als früher; man geht dreimal in dieselbe Kneipe, schon ist man „Du“. Dasselbe im Fitness-Club. Frage also an den Sprachwissenschaftler: Geht's nur mir so, oder ist das Du auf dem Vormarsch?

          In bestimmten sozialen Umgebungen ist das Du üblich, beispielsweise im Fitness-Studio, im Verein, in Weiterbildungsseminaren und bestimmten politischen Gruppen. Würde man dort anfangen, jemanden zu siezen, bekäme man soziale Schwierigkeiten, weil das als Distanzierung empfunden würde. Das war im Sport aber immer so, das nennt sich das „Solidaritäts-Du“. Beim Sport, unter Arbeitern, auf der Baustelle duzt man sich außerdem, um die Statushierarchien einzudampfen.

          Wie funktioniert das?

          Wenn es nur noch eine Option gibt - das Du -, gibt es keine Hierarchie mehr in der Anrede. Das ist die zweite Dimension: das „Hierarchie-Du“. Es ist genau geregelt, wann wer auf gleicher Ebene, auf höherer Ebene wen duzen darf, wer wen siezen muss. Überall, wo es ein bisschen archaisch zugeht und es um den Körper geht, wird das nivelliert, man kehrt zum Urzustand zurück, zur Horde, zur Gruppe, und dann duzt man sich halt.

          Und wenn nicht?

          Wenn man in so einer Du-Gemeinschaft jemanden siezt, fliegt man aus der Gruppe raus oder wird gemieden. Vielleicht entdecken Sie das jetzt neu für sich, aber das ist alt. Das Du war in den sechziger und siebziger Jahren sehr stark auf dem Vormarsch unter ideologischer Perspektive, weil manche Leute auf der Linken die Hierarchien schleifen wollten. Beispielsweise gab es eine Phase, da wurde zwischen Professoren und Studenten viel geduzt. Das hat sich aber erledigt. In vielen Bereichen ist jetzt die Rückkehr zum Sie empirisch nachweisbar.

          Wo?

          Eben an der Uni zum Beispiel. Da haben sich normale Hierarchiestrukturen wieder durchgesetzt.

          Die alten Regeln, wer wen duzt, sind aber doch immer unzuverlässiger, oder? Einer Ihrer Kollegen hat von der „babylonischen Anredeverwirrung“ gesprochen.

          Auch unsere Gesellschaft ist dramatisch babylonisch geworden. Die sozialen Domänen zerfallen ja noch weiter, in Subgruppen; von Sportstudio zu Sportstudio gibt es Unterschiede, von Stadt zu Stadt und dort zwischen einzelnen Stadtvierteln, von Unternehmen zu Unternehmen und dort sogar zwischen einzelnen Abteilungen. Wir müssen da sehr unserer Intuition vertrauen, um die jeweils gültigen Regeln zu erkennen.

          Gibt es überhaupt noch eine Regel? In Zweifel erst mal „Sie“?

          Ja, Sie haben mich ja auch erst mal gesiezt, weil Sie mit mir noch weiter reden wollen. Wir folgen immer Regeln, auch wenn diese sich individualisiert haben, und Gruppen haben gemeinsame Regeln.

          Wird es unübersichtlich, weil neben gesellschaftlichen Parametern viele individuelle existieren?

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