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Intersexualität : Das dritte ist ein offenes Geschlecht

Nicht Frau, nicht Mann: Etwa 80.000 Menschen in Deutschland können nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden. Bild: dpa

Von diesem Freitag an müssen Eltern nach der Geburt eines Kindes nicht zwingend das Geschlecht angeben. Künftig reicht auch ein „X“ im Pass. Vielen geht diese Änderung nicht weit genug.

          Cal Stephanides war als Kind ein Mädchen namens Calliope. Als der Ich-Erzähler aus Jeffrey Eugenides’ Roman „Middlesex“ zu seiner Mutter Tessi zurückkehrt, trägt er einen Oberlippenbart. „In Tessies Augen hatte meine Erscheinung etwas Kriminelles. Sie dachte, dass meine Rückkehr Teil einer großen Abrechnung war, dass jemand Milton bestraft hatte und ihre Strafe gerade erst begann. Aus allen Gründen stand sie versteinert, mit roten Augen, in der Tür.“

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Nach Schätzungen des Ethikrates leben in Deutschland etwa 80.000 Menschen, die wie die Romanfigur Calliope, nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden können. Sie haben zum Teil sowohl weibliche, wie auch männliche Geschlechtsorgane; zum Teil sind sie zwar anatomisch Frauen, verfügen jedoch über einen deutlichen Überschuss an männlichen Geschlechtshormonen. Es gibt unzählige Formen von Intersexualität.

          Ein Ausschuss der Vereinten Nationen hatte die deutsche Bundesregierung im Jahr 2009 dafür gerügt, diese Menschen nicht hinreichend vor Diskriminierungen zu schützen, und zugleich aufgefordert, Maßnahmen zum Schutz ihrer Menschenrechte zu ergreifen. Eine solche Maßnahme entfaltet nun Wirkung. Von diesem Freitag an regelt das Personenstandsgesetz, dass Neugeborene, die weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden können, ohne Angabe des Geschlechts in das Geburtenregister einzutragen sind. Zuvor mussten Eltern innerhalb des ersten Lebensmonats angeben, ob ihr Kind ein Mädchen oder ein Junge ist. Auch im Reisepass, der anders als der Personalausweis eine Angabe über das Geschlecht enthält, kann vom 1. November an statt „F“ und „M“ auch ein „X“ eingetragen werden. Zwar wurde das Passgesetz selbst nicht geändert; diese Möglichkeit ist aber in einer europäischen Verordnung vorgesehen, die wegen des Anwendungsvorrangs des Europarechts die Regelung des deutschen Passgesetzes verdrängt.

          Die geschäftsführende Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) sieht in den Neuerungen einen wichtigen Schritt für die Abschaffung der Diskriminierung: „Für Intersexuelle bedeutet das eine große Erleichterung, für unsere Gesellschaft eine wichtige Modernisierung“, sagte sie dieser Zeitung und forderte, dass sich „diese Haltung“ künftig „auf alle Bereiche der Rechtsordnung erstrecken“.

          Mit größerer Zurückhaltung reagiert das Bundesinnenministerium, das für das Personenstandsrecht zuständig ist. „Die Neuregelung erschafft keine neue Geschlechtskategorie“, sagte ein Sprecher. Sie soll lediglich den Druck von den Eltern nehmen, sich vorschnell auf ein Geschlecht festzulegen und geschlechtsangleichende medizinische Operationen an ihrem Kind vornehmen zu lassen. Die Idee sei aber schon, dass zu einem späteren Zeitpunkt eine Entscheidung zugunsten eines der beiden Geschlechter getroffen werde – auch wenn das Gesetz sie zu einer solchen Entscheidung nicht zwinge. „In der gesamten Rechtsordnung, insbesondere im Verfassungs- und Zivilrecht, existieren nur die Geschlechter männlich und weiblich“, heißt es zur Begründung aus dem Bundesinnenministerium.

          Michael Wunder, Leiter der Arbeitsgruppe Intersexualität im Ethikrat, bezeichnete die Gesetzesänderung daher als „halbherzig“. Der Ethikrat, der im Auftrag der Bundesregierung eine Stellungnahme zur Intersexualität erarbeitete, hatte vorgeschlagen, dass im Geburtenregister neben „männlich“ und „weiblich“ auch die Kategorie „anderes“ zur Verfügung steht – wie das etwa in Australien der Fall ist. „Eine Nichteintragung im Geburtsregister trifft die Sache nicht“, sagt Wunder, der in seiner Tätigkeit als Therapeut häufig mit Intersexuellen zu tun hat. „Diese Menschen haben nicht kein Geschlecht, sondern es kommen vielgestaltige Geschlechter vor. Daher sage ich auch nicht ,drittes Geschlecht‘, es gibt ein viertes, fünftes und sechstes.“ So sei die Schöpfung, und es gehe darum, sie zu akzeptieren. Und das bedeute in der Konsequenz eben auch, das Versicherungsrecht, das Familienrecht und andere Rechtsbereiche zu reformieren.

          Der Ethikrat hatte in seiner Stellungnahme vom Februar 2012 nicht nur eine Änderung des Personenstandsrechts vorgeschlagen. Noch wichtiger sei den Mitgliedern der Arbeitsgruppe eine Änderung der Regelungen zur medizinischen Behandlung gewesen, berichtet Wunder. Operative Maßnahmen bei Menschen mit weiblichen und männlichen Keimdrüsen ist nach Ansicht des Ethikrats ein nicht zu rechtfertigender Eingriff in das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit und das Recht auf Wahrung der sexuellen Identität. Für eine solche Operation dürfe sich nur der Betroffene höchstpersönlich entscheiden, wenn er in ein entscheidungsfähiges Alter kommt. Die Eltern sollten nur dann entscheiden können, wenn das Kindeswohl ohne Operation massiv gefährdet wäre.

          Früher waren Operationen an Neugeborenen mit doppeltem Geschlecht die Regel. In den meisten Fällen wurden sie zu Mädchen umoperiert – mit teilweise gravierenden gesundheitlichen und psychischen Folgen für die Betroffenen. Interessenvertretungen intersexueller Menschen geißeln solche Eingriffe daher als „genitale Verstümmelungen“. Bei einigen Medizinern hat in den vergangenen Jahren ein Umdenken eingesetzt. „Es gibt jedoch keine repräsentative Studie, die belegt, dass es tatsächlich weniger Operationen als früher gibt“, sagt Wunder. Daher sei auch hier eine gesetzliche Regelung notwendig.

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