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Internet-Metzger Buchmann im Gespräch : „Der Wurst ein Gesicht geben"

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Auf der Internetseite „meinekleinefarm.org“ kann über die Reihenfolge der Schlachtung abgestimmt werden Bild: meinekleinefarm.org

Der Berliner Student Dennis Buchmann spricht im Interview über seinen Versuch, Tierhaltung menschlich zu machen. Auf seiner Website kann man sich das Schwein aussuchen, das man essen möchte.

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          Herr Buchmann, Sie wollen der anonymen Tierhaltung ein Ende setzen: Auf Ihrer Internetseite lässt sich Wurst von Schweinen kaufen, das sich der Konsument von Angesicht zu Angesicht aussucht. Wie kamen Sie denn auf so was?

          Ich studiere berufsbegleitend Public Policy an der Humboldt Viadrina School of Governance, und jeder muss ein politisches Projekt haben. Der hohe Fleischverbrauch geht auf Kosten der natürlichen Ressourcen, also wollte ich ein Gegenmodell zur Massentierhaltung anbieten.

          Sie kooperieren mit dem Bauern Bernd Schulz aus Brandenburg, dessen Freilandschweine Sie im Internet anbieten. Vor dem Kauf muss man sich Steckbriefe mit Fotos oder dem Geburts- und Schlachtdatum des jeweiligen Schweines angucken. Wer will das?

          Das ist ganz unterschiedlich. Es sind einige alte Leute, die das noch von früher kennen, dass man zum Bauern geht und sich ein Schwein zur Schlachtung aussucht. Es sind aber auch junge Leute, die transparente Tierhaltung gut finden. Bald wollen wir Schulen ansprechen: Klassen sollen Paten für ein Schwein werden und es übers Internet von der Geburt bis zur Schlachtung begleiten. So sollen sie sehen, dass es einen Unterschied macht, ob man Mortadella im Supermarkt für 99 Cent kauft oder eine Biowurst fürs Doppelte, wo auch nur die Hälfte drin ist.

          Wie viele Schweine wurden über Ihre Website „meinekleinefarm.org“ schon verkauft?

          Das erste Schwein ist schon ausverkauft und tot, es füllte 250 Wurstgläser, 50 Schlackwürste und 30 Ringe Knoblauchmett. Schwein zwei ist ausverkauft und wird Anfang Februar geschlachtet. Für Schwein drei kann man vorbestellen. Wir geben den Schweinen keine Namen, nur Nummern, denn es sind Nutztiere.

          Über die Reihenfolge der Schlachtung stimmten die Nutzer im Internet ab.

          Ja, fünf Schweine standen zur Auswahl, 124 Kunden haben abgestimmt. Eine großartige Bewusstseinsbildungsmaßnahme! Es wurde viel bei Facebook diskutiert, einige hatten damit kein Problem. Andere wollten nicht mit dem Mauszeiger das Todesurteil sprechen.

          Das Antlitz halten Philosophen seit jeher für ein Abbild der Seele. Ist es nicht ein Appetitkiller, dem toten Schwein am Esstisch in die Seele blicken zu müssen?

          Keine Ahnung, was eine Seele ist. Jedenfalls sollten Leute, die Fleisch essen, ehrlich zu sich sein und der Tatsache ins Gesicht gucken können, dass Tiere für Wurst und Fleisch geschlachtet werden.

          Dennis Buchmann holt das Schwein aus der Anonymität der Nahrungskette

          Der Verzehr Ihres Fleisches „bringt gutes Karma“, verspricht Ihre Werbung. Was soll das denn heißen?

          Gutes Karma steht für ein gutes Gefühl, für gute Vibrations. Wenn ich weniger Fleisch esse, das aber mit mehr Respekt, fühle ich mich gut, und das Tier auch, weil es aus Freilandhaltung kommt.

          Auf Ihrer Website steht: „Auf das Schwein der Wahl klicken, um zu seiner Wurst zu gelangen.“ Wurden Sie von Vegetariern schon kritisiert für den tierverachtenden Zynismus?

          Was ist daran tierverachtend? Jedenfalls hatte ich wegen des Projekts eigentlich einen Shitstorm erwartet, einen virtuellen Aufstand der Veganer. Aber das blieb mir bisher erspart. Die Vegetarier finden das sogar sehr gut, nur einer sprach im Internet von „brutalem Mord“. Ich denke aber, dass es eher möglich ist, die Menschen zu geringerem Fleischkonsum zu bewegen, als gleich Vegetarismus von allen zu fordern.

          Was haben Sie eigentlich gegen Massentierhaltung?

          Schweine wollen nicht auf Beton oder Spaltböden leben, sie haben den angeborenen Trieb, im Erdboden zu wühlen. Schweine wollen auch ihre Zähne und Schwänze behalten und rumlaufen.

          Haben Sie denn mal einen normalen Schweinestall besichtigt?

          Nein, den kenne ich nur aus den Medien.

          Machen Sie doch auch mal Putenwurst für den Wiesenhof mit Fotos der Tiere und Webcams! Warum denn immer nur Bio und Freiland?

          Das würde ich machen, um Transparenz zu schaffen. Ich glaube aber, das würde der Wiesenhof nicht wollen. Als nächstes wollen wir Frischfleisch anbieten, aber dafür braucht man eine aufwendige Kühlkettenlogistik. Dann bringen wir Webcams an, mit denen der Konsument den Schweinen noch näher kommt, und wir hängen in Restaurants digitale Bilderrahmen auf, in denen die Schweine zu sehen sind, die es gerade zu essen gibt.

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