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Internet : Erlebtes und „Erlebtes"

  • -Aktualisiert am

Internetcafe in Thailand Bild: AP

Die Tsunamis haben „Blogs“ hochgespült: Eine wachsende Schar von Begeisterten schreibt und liest Augenzeugenberichte auf dafür offenen Internetseiten. Es entsteht eine Art Tagebuch der Welt.

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          „Dann sahen wir die Wasserwand... Sie bewegte sich wirklich schnell, zu schnell. Und der Krach. In Bruchteilen von Sekunden erwachten Hunderte am Strand aus ihrer Hypnose. Die Menschen gingen. Und dann rannten sie. Manche stolperten und wurden mit dem Wasser gegen eine Mauer geschleudert... Aber das war erst der Anfang.“ So erlebte der amerikanische Urlauber Rick Von Feldt aus Topeka im Bundesstaat Kansas die Katastrophe in Phuket. Oder sollten wir besser schreiben „erlebte“?

          Denn tatsächlich ist der Erlebnisbericht des Computerfachmanns und Freizeitautors, der auf seiner Internetseite http://phukettsunami.blogspot.com „Geschichten von Überlebenden aus erster Hand“ veröffentlicht, eine Zusammenfassung dessen, was er selbst sah - und was er von anderen Menschen hörte, die wirklich oder auch nur angeblich Augenzeugen der Flutwelle waren.

          Tagebuchartige Erfassung der Welt im Internet

          Von Feldt ist einer der zahlreichen Blogger, die ihre Eindrücke von der Flutkatastrophe in sogenannten Weblogs oder kurz Blogs schildern. Das sind Interneteinträge, die nach Lust und Laune der Autoren durch neue Kommentare, Notizen und Hinweise auf andere Internetseiten ergänzt werden, wobei der jüngste Eintrag jeweils an oberster Stelle steht.

          Die Blogs können den Charakter von Tagebüchern haben, sie können aber auch ganze Internetportale umfassen. Über die Portale lassen sich dann zahlreiche weitere Internetseiten öffnen und Verbindungen zu anderen „Bloggern“ herstellen. Aus alldem entsteht die „blogosphere“, also die Blogosphäre tagebuchartiger Erfassung der Welt im Internet.

          Immenser Zulauf

          Mit der Krise in Asien hat diese Form der Internetkommunikation wieder einmal an Popularität gewonnen. Weblogs, in denen sonst nur eine kleine Schar Eingeweihter Gedanken austauschten, bekamen plötzlich derartigen Zulauf, daß sie vorübergehend zusammenbrachen, weil die Kapazitäten nicht ausreichten.

          So wurde der Blog „Cheese and Crackers“, auf dem ein junger Amerikaner sonst ohne nennenswerte Resonanz konservative politische Ansichten verbreitet, plötzlich von Hunderttausenden von Internetnutzern besucht, als dort Videos aus dem Katastrophengebiet auftauchten. Die Nachfrage nach Bildern von der Katastrophe hat andere Blogger dazu bewogen, eilends Seiten einzurichten, auf denen Internetnutzer kostenlos Dutzende Videos und Fotos von Flutwellen, Opfern der Katastrophe und zerstörten Dörfern und Hotelanlagen sehen können.

          „Sehr netter Zusammenschnitt der meisten Videos“

          „Bis zu viermal am Tag“, so wirbt der Australier Geoffrey Huntley, werde seine Bilderseite http://www.waveofdestruction.org aktualisiert. Wer keine Lust hat, Huntleys gesamtes Material zu sichten, der kann sich auch den „sehr netten Zusammenschnitt der meisten Videos“ anschauen, „der selbst den abgebrühtesten Menschen zum Weinen bringen wird“. Die Video- und Fotoaufnahmen des Australiers sind ein Gemisch von Bildbeiträgen.

          Die Quellen: manchmal nur der Ort der Aufnahme, manchmal kryptisch bezeichnete Privatpersonen, aber auch Fernsehsender und Nachrichtenagenturen. Bei der Beschaffung der Bilder warten die Blogger nicht immer darauf, daß Internetbenutzer ihren Appellen folgen und eigens produzierte oder sonstwie erworbene Aufnahmen zur Verfügung stellen.

          Während Fernsehstationen aus Japan, Europa und Amerika für das Privatvideo eines skandinavischen Urlaubers viel Geld an eine norwegische Zeitung bezahlten, die die Rechte daran erworben hatte, luden Blogger das Video, das ein älteres Urlauberpaar aus dem Kamala Beach Hotel in der Nähe von Phuket im Kampf mit den Wellen zeigte, ohne Bezahlung von fremden Internetseiten herunter.

          Journalistischer Wildwuchs

          Derartige Raubzüge ärgern natürlich jene, die sich um ihre Urheberrechte betrogen fühlen. Der journalistische Wildwuchs in den Blogs provoziert auch Fragen nach der Qualität und Verläßlichkeit des neuen Graswurzeljournalismus, der vielfach nicht mehr von der Recherche, sondern von der Verbreitung persönlicher Überzeugungen lebt. So blühen in den Blogs Spekulationen über die Verantwortung der reichen Industrieländer und westlicher Geheimdienste für die Flutkatastrophe.

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