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Integration in Berlin : Die bärenstarke Klasse

Schulbeginn für die Schüler der „Deutsch-Garantie-Klasse” in Berlin Bild: Julia Zimmermann

Neunzig Prozent Schüler „nichtdeutscher Herkunft“: Die Gustav-Falke-Grundschule ist eine Schule, wie sie nicht nur in Sarrazins Buche steht. Jetzt hat sie eine Klasse eingerichtet, deren Kinder gutes Deutsch sprechen müssen.

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          So schön kann heute Schule sein. Weitläufig, doch voller Nischen ist das Hofgelände, von Bäumen umsäumte Wege führen zu mehreren Spielplätzen. Eine komplette Etage des imposanten, denkmalgeschützten Hauptgebäudes dient der Freizeit der Schüler, selbst an ein Tischtennis-Zimmer hat man gedacht. In der Mensa gibt es Bio-Essen. Ein kleiner Junge trägt an diesem Morgen eine Palette mit Halbliter-Milchtüten über den Hof, ein zweiter bringt Toilettenpapierrollen. Andere Kinder werfen Zeitungen und Prospekte in die Müllcontainer.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der für die Jüngsten reservierte „Pavillon“ ist zwar nur ein schlichter Plattenbau, leuchtet aber farbenfroh dank eines Wandgemäldes mit Blumen, Regenbogen und strahlenden Kindergesichtern, weißen Gesichtern, braunen, gelben. So bunt gemischt wie die Schüler der Klasse 1f, die sich vorm Unterricht in ihrem Freizeitraum an die Esstische gesetzt haben und ihre Brotdosen öffnen. Über den Köpfen der Kinder mit ihren Afro-Zöpfen, blonden Stoppeln, langen dunklen Mähnen baumeln kleine Schultütchen von einem blauen Netz an der Decke. Nach dem Frühstück gehen alle hinüber in ihren frisch gestrichenen Klassenraum, dessen Blickfang das Smartboard ist, eine computergestützte, interaktive Tafel, auf der die Kinder mit ihren Fingern Buchstaben hin- und herschieben können.

          Die Gustav-Falke-Schule verliert stetig Schüler

          Eine Musterschule, könnte man meinen. Doch etwas passt nicht ins Bild. Die Gustav-Falke-Grundschule in Berlin nämlich hat stetig Schüler verloren, von einst 620 ist ihre Zahl auf 344 gesunken. Wird der Trend nicht gestoppt, dann droht der Schule das Ende. Und deshalb sind die 24 Fünf- und Sechsjährigen, die die 1f bilden, keine ganz normale Klasse. Sie sind für die Gustav-Falke-Schule so etwas wie die letzte Hoffnung.

          Die Falke-Schule liegt in Gesundbrunnen, einem Ortsteil des alten West-Berliner Bezirks Wedding, der heute zum Großbezirk Mitte zählt. Ein Wohngebiet im Herzen der Hauptstadt, das gleichzeitig von der Nachbarschaft abgeschottet ist. Im Osten der Brunnenstraße, der zentralen Nord-Süd-Verbindung, trennt der Mauerpark den Gesundbrunnen vom neobürgerlichen Prenzlauer Berg, im Süden bildet die Bernauer Straße, an der einst die Mauer verlief, eine nunmehr unsichtbare Grenze zum urbanen Alt-Mitte. Jenseits dieser Grenzen flaniert man zwischen schicken Cafés, Ateliers, Bio- und Designerläden. Diesseits, in der Brunnenstraße, starrt man durch manches Schaufenster ins Leere. In der „Brunnen-Bäckerei“ trinkt man den Kaffee für 50 Cent aus Plastikbechern. Ein Frisör bietet „Haarstyle und Kopftuchdesign“, im Fenster des Restaurants „Dalmacija“ hängt eine nach der WM vergessene Deutschlandfahne. An der Kreuzung zur Usedomer Straße wetteifert das „Vulkan-Casino“ mit dem „J.F. Casino“, das „City Casino“ wird demnächst eröffnet.

          Man versucht das Horrorbild der „Problemschule“ zu vertreiben

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