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Insekten in Gold : Märtyrer der Landstraße

Tod einer Stechmücke - in Gold festgehalten Bild: Volker Steger

Der Tod hat auch seine schönen Seiten. Das will der Fotograf Volker Steger beweisen und fuhr mit der richtigen Insektenmordgeschwindigkeit, um möglichst viele Mücken und Motten mit seiner Autoscheibe zu zerschmettern. Die anschließenden Fotosessions zeigen ihre vergoldeten Körper.

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          Wenn einer eine Reise tut, dann können manchmal Dutzende Tote den Weg säumen. Zumindest wenn er mit dem Auto gen Süden fährt und die italienische Grenze überquert hat. Wie die Fliegen patschten südlich der Alpen besonders Mücken und Motten an die präparierte Front von Volker Stegers Auto. Er musste nur noch die filigranen gebrochenen Körper mit ihren merkwürdig verdrehten und zerschmetterten Gliedmaßen einsammeln und fotografieren.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die Bilder des Münchner Fotografen beweisen, dass auch der Tod durchaus schöne Seiten haben kann. Angefangen hatte das Stegersche Experiment mit einem Buch, das er mit Fotos von intakten Insekten ausstattete („Buzz: The Intimate Bond Betweeen Humans and Insects“), und einem Kursus bei dem Kriminalbiologen Mark Benecke in Köln.

          Mit dem toten Insekt dem Mörder auf der Spur

          Steger wollte bei Benecke mehr über „forensische Entomologie“ erfahren. Denn Rechtsmediziner werten auch insektenkundliche Spuren aus, um Verbrechen aufzuklären. So lässt sich beispielsweise die Liegezeit eines Leichnams anhand der auf ihm gefundenen Insekten und deren Larven bestimmen.

          Auch eine Motte erwischte Steger mit seiner Plastifolie

          Oder wenn zum Beispiel an der Windschutzscheibe eines Autos eine tote Libelle klebt, liegt der Verdacht nahe, dass das Fahrzeug und in ihm vielleicht ein möglicher Mörder zuvor an einem See vorbeigekommen ist. Genau diese Libelle aus Beneckes Unterricht ließ den Biologen Steger nicht mehr los.

          Plastikfolien vor den Wagen gespannt

          Und so begann er zielbewusst durch München und über die Landstraßen Bayerns zu fahren, allerdings zunächst ohne großen Erfolg. Die Insektenausbeute war mager. Erst eine Tour nach Italien sorgte für das nötige Bildmaterial.

          Steger fuhr durch den Mont-Blanc-Tunnel und weiter in die Po-Ebene und in die Geburtsstadt Umberto Ecos, nach Alessandria im Piemont. Dort, an der Autoraststätte „Le Risaie“ (Reisfelder) spannte er noch einmal neue Plastikfolie vor seinen Wagen und düste los.

          Die Toten sorgfältig ausgeschnitten

          „Es war unglaublich“, erzählt Steger. „Ich saß im Auto und hörte, wie die Insekten zu Hunderten an die Folie klatschten.“ Die Toten schnitt er danach sorgfältig aus, bedampfte sie mit Gold und legte sie unter ein Rasterelektronenmikroskop.

          Heraus kamen Schwarzweißbilder, die er nachträglich nur noch an seinem Computer mit Farbe versehen musste. Da 80 Prozent seiner „Märtyrer der Landstraße“, wie er seine kleinen Italiener liebevoll nennt, zur Familie der „Stechmücken“ gehörten, überwiegen die Plagegeister auch auf den Fotos. Doch auch eine Motte gehört zu den Opfern Stegers.

          „Wer schneller fährt, fängt fast nichts“

          Dass der Achtunddreißigjährige sie überhaupt auf Folie und Film bannen konnte, hatte vor allem mit dem richtigen Tempo zu tun, mit dem Steger über den Asphalt brauste. Die Windschnittigkeit des Wagens bereitete dem Kleinwildjäger Kummer.

          Erst nach einigen Versuchen fand er heraus, dass langsame 80 Kilometer pro Stunde die ideale Insektenmordgeschwindigkeit sind. „Wer schneller fährt, fängt fast nichts“, sagt der Münchner. Oder andersherum gesagt: Wer schnell fährt, rettet offenbar Leben.

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