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Influenza-Pandemieplanung : Quarantäne und ein berufliches Tätigkeitsverbot

Wer bekommt die schützende Spritze? Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Deutschland hat sich auf die Folgen einer neuen Influenza-Pandemie vorbereitet. Doch im Ernstfall wäre mit einer Impfstoffknappheit zu rechnen - und mit einer Einschränkung der Grundrechte.

          Schon im Jahr 1993 wurde auf einer internationalen Tagung in Berlin eine globale Influenza-Pandemieplanung gefordert. Der aktualisierte Influenza-Pandemieplan für Deutschland liegt seit Juli 2005 vor. Er befaßt sich unter anderem mit rechtlichen Aspekten, mit den Themen Surveillance (Kontrolle), Impfen (wer sollte bevorzugt geimpft werden?), antiviralen Arzneimitteln (gibt es eine ausreichende Menge oraler Neuraminidasehemmer?) und der Vorbereitung der Krankenhäuser (können im Notfall unter anderen auch Medizinstudenten in ihrem letzten Ausbildungsabschnitt eingesetzt werden?).

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) befinden wir uns in der dritten von sechs Pandemie-Phasen: Die Phasen eins und zwei werden interpandemische Periode genannt, die Phasen drei, vier und fünf (pandemische Warnperiode) können in Phase sechs überleiten - die Pandemie. Sollte eine Infektion mit einem pandemischen Subtyp in Deutschland auftreten, so können die Pandemieplaner auf eine seit Jahren eingespielte Routinesurveillance bauen: Im Herbst und Winter werden von der 40. bis zur 15. Kalenderwoche die akuten respiratorischen Erkrankungen (ARE) - Pharyngitis (Rachenentzündung), Bronchitis und Pneumonie (Lungenentzündung) - regelmäßig von etwa 700 Arztpraxen an die Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) gemeldet.

          Rachenabstriche virologisch ausgewertet

          Diese Influenza-Aktivität gibt vor allem Aufschluß darüber, welche Viren im Umlauf sind. Zugleich werden Rachenabstriche im Nationalen Referenzzentrum für Influenza (NRZ) in Berlin virologisch ausgewertet, um abzuschätzen, wie gut die zirkulierenden Viren mit dem saisonalen Impfstoff übereinstimmen. An einem ähnlich umfassenden System arbeitet zur Zeit die Bundesforschungsanstalt für Viruserkrankungen der Tiere (BFAV), um frühzeitig die Erkrankung durch aviäre Influenzaviren bei Geflügel erfassen zu können.

          „Die Schutzimpfung gegen Influenza ist die kosteneffektivste und wirksamste Maßnahme zur Prävention der Erkrankung“, heißt es im Pandemieplan. Ein Impfstoff allerdings kann erst entwickelt und hergestellt werden, wenn die Wissenschaftler den Pandemieerreger kennen. Es kann durchaus sein, daß die Pandemie schon am Abklingen ist, noch bevor der Impfstoff überhaupt produziert wurde. Denn die Impfviren vermehren sich bei der Herstellung des Impfstoffs in befruchteten und bebrüteten Hühnereiern. Pro Dosis wird etwa ein Ei benötigt. Die Produktion von genügenden Mengen ist also langwierig.

          Das Robert-Koch-Institut rechnet mit mindestens drei Monaten - unter optimalen Voraussetzungen. Allerdings kann man wichtige Vorarbeiten schon jetzt erledigen, damit man im Fall der Fälle so rasch wie möglich mit der Impfstoffproduktion beginnen kann. Bei der Europäischen Arzneimittelagentur Emea (“European Medicines Evaluation Agency“) wurde noch Ende des vergangenen Jahres, wie unter anderem vom Paul-Ehrlich-Institut, dem Bundesamt für Sera und Impfstoffe, vorausgesagt, ein Zulassungsantrag für einen prototypischen Impfstoff eingereicht. Im Pandemiefall kann so schneller mit der Produktion des eigentlichen pandemischen Impfstoffs begonnen werden.

          Begrenzte Kapazitäten

          Schon jetzt zeichnet sich ab, daß eine Mehrheit nicht in den Genuß einer Schutzimpfung kommen wird. Denn auch die Produktionskapazitäten sind begrenzt: Zur Zeit können vom saisonalen Impfstoff etwa 250 Millionen Dosen (rund 20 Millionen davon in Deutschland) jährlich hergestellt werden. Viel mehr ist auch im Pandemiefall ad hoc nicht möglich. Da sich alle Produktionsstätten in einigen wenigen industrialisierten Ländern der Nordhalbkugel befinden - gleich zwei sind in Deutschland angesiedelt -, werden vermutlich Afrika und Südamerika zunächst überhaupt nicht berücksichtigt werden können.

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