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Indianer wollen „Kueka“ zurück : Das steinerne Politikum aus Venezuela

  • -Aktualisiert am

Fern der Heimat: Der Sandstein „Kueka“ aus Venezuela steht jetzt im Berliner Tiergarten. Bild: AFP

Seit Anfang 1999 liegt der „Kueka“-Stein im Berliner Tiergarten. Der Felsen ist Teil eines Kunstprojektes und ein politisch heißes Eisen.

          Wolfgang Kraker von Schwarzenfeld hat den „Stein der Liebe“ vor fünfzehn Jahren aus Venezuela nach Deutschland gebracht. Mehr als dreißig Tonnen wiegt der Kaventsmann, der seit 1999 im Berliner Tiergarten liegt und Teil seines Kunstwerkes „Global Stone“ ist. Schwarzenfeld hat jeden Kontinent bereist und Steine gesucht – jeweils zwei. Er hat sie bearbeitet und daraus ein Projekt gemacht: Stets blieb einer der beiden Geschwister-Steine im Land seiner Herkunft. Den zweiten nahm er mit nach Deutschland. Wie es auf seiner Website heißt, symbolisieren die fünf Steinpaare Liebe (Amerika), Erwachen (Europa), Hoffnung (Afrika), Vergebung (Asien) und Frieden (Australien). Sie seien so ausgerichtet, dass am 21. Juni mittels Lichtreflexion eine Verbindung zwischen den Geschwister-Steinen entstehe, erklärt Schwarzenfeld. Es soll ein „Friedensprojekt“ sein.

          Seit einiger Zeit führt nun ausgerechnet der (süd-)amerikanische Stein, die Liebe, zu reichlich Missmut. Der zwölf Kubikmeter große Felsbrocken lag im venezolanischen Nationalpark Canaima, der Heimat der Pemonen-Indianer. 1998 überließ ihn die Regierung Venezuelas Schwarzenfeld. Der Transport nach Deutschland sei ganz legal verlaufen, sagt Bruno Illius von der Freien Universität Berlin. Er hat ein Gutachten zu dem Monolith angefertigt. Juristen hätten die Ausfuhr-Papiere geprüft. Alles sei in Ordnung gewesen.

          Davon wollen manche Indianer jetzt offenbar nichts mehr wissen. Vor der deutschen Botschaft in Caracas demonstrierte am Donnerstag eine Gruppe von gut 50 Ureinwohnern für die Rückgabe des Felsens. Auf Transparenten forderten sie die Heimkehr von „Kueka“ – so nennen sie den Felsen, der ihnen als heilig gilt. „Kueca“ ist das indianische Wort für „Großmutter“. Der Legende nach handelt es sich bei dem Felsen um eine in Stein verwandelte alte Frau. Die Ureinwohner sehen sich durch den damaligen Abtransport des Steins nach Deutschland in ihren Rechten verletzt. „Kueka“ sei ohne Zustimmung der Indianergemeinden „entführt“ worden, sagte der Sprecher der Pemonen-Indianer, Melchor Flores, am Donnerstag vor der deutschen Botschaft.

          Der Ethnologe Illiuis vermutet, dass der Pemonen-Aufstand inszeniert ist. Die Proteste seien organisiert von der Chávez-Partei, Demonstranten gar dafür bezahlt worden, dass sie auf die Straße gehen. Er spricht von einer „unvorstellbar lächerlichen“ Veranstaltung. Tatsächlich will Illius, der die Indianer selbst häufig besucht hat, Beweise dafür haben, dass die Version vom „entführten“, heiligen „Kueka“-Stein nicht stimmen kann.

          So kennten die Ureinwohner keine Heiligtümer und als er einige bei seinem jüngsten Besuch auf den Stein angesprochen habe, hätten die gar nicht gewusst, wovon überhaupt die Rede sei. Wenn der Brocken wirklich ein Heiligtum wäre, wie könne es dann sein, dass Pemonen-Indianer Schwarzenfeld damals geholfen hätten, den Stein zu verladen, fragt Illius. Und anders als behauptet, habe ihr Gründungsmythos nichts mit einer versteinerten alten Frau zu tun. Der vermeintliche indianische Aufstand sei bloß „inszenierter Primitivismus“ seitens der Regierung.

          Schwarzenfeld ist über die Geschehnisse in Caracas empört. Das sei „alles gelogen“. „Wenn ich den Stein rauslöse, ist das Projekt kaputt“, sagt der Künstler. Doch er bekomme Rückhalt vom Auswärtigen Amt. Man werde ihn ja wohl kaum enteignen wollen. „Ich bin bereit für eine Lösung, obwohl ich kein Geld mehr habe.“ Sein ganzes Kapital, die ganze Altersvorsorge stecke in diesem Kunstwerk. Und mit 79 Jahren könne man nicht mal eben so nach Amerika fliegen und neue Steine suchen. Doch die Zeichen stehen auf Konfrontation. Anfang der Woche hat das Parlament in Caracas einen Antrag auf den Weg gebracht, um den Stein zurückzuholen.

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