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Schneller Schlau

Osteuropa treibt häufiger ab

Von CHRISTOPH SCHÄFER, Grafik: NATASCHA VLAHOVIC · 05.05.2019

In vielen Staaten Osteuropas liegt die Quote der abgebrochenen Schwangerschaften fast dreimal höher als in Deutschland. Doch auch hierzulande werden jährlich mehr als 100.000 Embryonen abgetrieben. Wie geht die Gesellschaft damit um?

E ine Abtreibung zählt zu den dunkelsten Stunden im Leben einer Frau. Die Entscheidung, ihr ungeborenes Kind leben oder sterben zu lassen, kann ihr niemand abnehmen. Allerdings fällt die Antwort nicht im luftleeren Raum, sie hängt von vielen Einflussgrößen ab. Es gibt zum einen persönliche Faktoren wie das Alter, die religiöse Einstellung, die finanzielle Situation, die medizinische Lage und die Lebensplanung generell. Zum anderen unterscheiden sich die gesellschaftliche Akzeptanz von Abtreibungen und die sozialen Absicherungssysteme für Mütter mit kleinen Kindern von Staat zu Staat.

Vor allem aber gibt es in jedem Land unterschiedliche juristische Rahmenbedingungen, unter denen eine Abtreibung überhaupt zulässig ist. Einen guten Überblick bietet die Weltgesundheitsorganisation in ihrer „Global Abortion Policies Database“. Die Daten zeigen, dass die meisten europäischen Staaten, Russland, China und die Vereinigten Staaten eine Abtreibung auf Wunsch der Frau zulassen, auch wenn sie dafür keinen zwingenden, unabweisbaren Grund angeben kann.

In Südamerika, Afrika, dem Nahen Osten und Teilen des Fernen Ostens ist das hingegen nicht möglich. Je nach Staat gelten nur ein möglicher Tod der Mutter, eine Vergewaltigung oder erhebliche Schäden am Embryo als zulässige Abtreibungsgründe.

Gerade weil die Entscheidung für eine Abtreibung von vielen Faktoren abhängt, verwundert nicht, dass die Abtreibungsraten von Staat zu Staat stark variieren. Wie unsere Karte zeigt, wird ein solcher Eingriff in den osteuropäischen Staaten deutlich häufiger vorgenommen als im Rest Europas. Einsamer Negativ-Spitzenreiter ist Georgien, wo im vorvergangenen Jahr 23 von 1000 Frauen im gebärfähigen Alter abgetrieben haben. Erschreckend hoch ist die Rate dem Statistikamt Eurostat zufolge auch in Bulgarien (12,7), Armenien (10,5) und Aserbaidschan (10,5). Auch in Ungarn (10,2) und Rumänien (10,1) sieht es düster aus.

Die Quoten in Osteuropa liegen zwei bis drei Mal so hoch wie in Deutschland, wo 4,5 von 1000 Frauen im gebärfähigen Alter abgetrieben haben. Eurostat definiert dieses als die Lebensphase von 15 bis einschließlich 44 Jahre, das Statistische Bundesamt hingegen als 15 bis 49 Jahre, weshalb Zahlen aus beiden Behörden nur bedingt miteinander verglichen werden dürfen.


Erfreulicherweise ist die Zahl der abgebrochenen Schwangerschaften in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Trotzdem entscheiden sich noch immer mehr als 100.000 Frauen für diesen Weg – in einem einzigen Jahr.
Schlüsselt man die Zahl nach Altersgruppen auf, zeigt sich, dass die Zahl der abtreibenden Jugendlichen mit 2746 Fällen klein ist. Sie lag vor zehn Jahren fast doppelt so hoch: Im Jahr 2008 wurden bei Minderjährigen noch mehr als 5000 Abtreibungen durchgeführt.
Die meisten Abbrüche lassen erwachsene Frauen im Alter von 18 bis 35 Jahre vornehmen – was allerdings kaum verwundert, weil Frauen in diesem Alter auch die meisten Kinder bekommen.

In Deutschland ist der Schwangerschaftsabbruch eigentlich per Gesetz strafbar, bleibt aber aufgrund von Ausnahme-Regelungen fast immer ohne strafrechtliche Konsequenzen. Nach deutschem Recht gibt es drei Gründe für eine legale Abtreibung: Wenn die Schwangerschaft eine Gefahr für die Schwangere darstellt, liegt eine medizinische Indikation vor. Zulässig ist eine Abtreibung auch nach einer Vergewaltigung, was im Verwaltungsdeutsch als „kriminologische Indikation“ bezeichnet wird. Zahlenmäßig sind die beiden erstgenannten Gründe allerdings kaum von Bedeutung. Die mit 96 Prozent gängigste Ausnahme ist die Beratungsregelung: Demnach können Schwangere straffrei bei einem Arzt abtreiben lassen, wenn sie nachweislich eine Beratung an einer staatlich anerkannten Beratungsstelle wahrgenommen haben.

Allerdings ist dies nicht beliebig lange möglich. Seit der Befruchtung der Eizelle dürfen nicht mehr als zwölf Wochen vergangen sein. Dies entspricht der 14. Schwangerschaftswoche, wenn nicht vom Tag der Empfängnis, sondern vom ersten Tag der letzten Regelblutung gerechnet wird.

Auch im restlichen Europa gibt es Fristenregelungen, aufgrund derer ein Abbruch während dieser Zeit legal ist. Die Fristen variieren allerdings von Land zu Land erheblich. Das trifft auch auf das Maß zu, in dem eine Gesellschaft Schwangerschaftsabbrüche ächtet oder akzeptiert.

Auf die Frage „Sollten Schwangerschaftsabbrüche in allen oder den meisten Fällen erlaubt sein?“ antworten 94 Prozent der Schweden mit „Ja“. Auch die nordeuropäischen Staaten Dänemark und Finnland verzeichnen hohe Zustimmungswerte. Am unteren Ende der Skala rangieren die (noch halbwegs) katholisch geprägten Staaten Spanien, Irland, Italien und Portugal.

Datenrecherche: Hedda Nier (Statista)
Quellen: Eurostat, Statistisches Bundesamt, Pew Research Center, WHO

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Quelle: FAZ.NET

Veröffentlicht: 05.05.2019 15:03 Uhr