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Sexismus auf dem roten Teppich : Baby, du siehst großartig aus

„Wie echte Frauen gerne aussehen.“

Ein Kleid an einem Star kann über Nacht um die Welt gehen und entsprechend verstanden werden. Mit dieser Phantasie-Welt – große Show, großer Glamour – sind schließlich besonders viele Menschen vertraut. Darum soll es ja bei so einem Auftritt auf dem roten Teppich auch gehen – für alle Beteiligten: in kurzer Zeit möglichst viele erreichen. Auf die Frage, inwiefern sich ein Make-up für so einen Red-Carpet-Anlass besonders auszeichne, sagte die Star-Visagistin Charlotte Tilbury dem F.A.Z.-Magazin im vergangenen Herbst: „Es ist so, wie echte Frauen gerne aussehen.“ Gerne aussehen wollen.

Aufbrezeln, auftreten und dabei Spaß haben: Nicole Kidman und Reese Witherspoon
Aufbrezeln, auftreten und dabei Spaß haben: Nicole Kidman und Reese Witherspoon : Bild: AFP

Nach gängigen Schönheitsidealen ist das bislang noch: perfekt. Immerhin, und das ist tatsächlich ein Fortschritt, gibt es mittlerweile ein paar mehr Definitionen von „perfekt“. Männer mögen zu den wichtigen Anlässen nur die Auswahl zwischen dem einen und dem anderen Smoking haben. Frauen hingegen können nicht nur zu Kleidern greifen, die tiefere und weniger tiefe Ausschnitte haben, mit Ärmeln versehen oder trägerlos sind, mit oder ohne hohe Schlitze, sondern zumindest auch zu Hosen, wie sie zum Beispiel Angelina Jolie schon 2001 zu den Oscars trug. Eine Schauspielerin riskiert auch längst keinen Verriss mehr, wenn sie im Einteiler kommt, siehe Julia Roberts anlässlich der SAG-Awards im Jahr 2015 oder Lady Gaga zu den Oscars 2016. Sicher ist das keine Red-Carpet-Revolution. Flache Schuhe sind zum Beispiel als Option längst überfällig. Auf den Laufstegen verzichten schon jetzt immer mehr Designer zur Inszenierung ihrer Entwürfe auf High Heels. Und auch Meghan Markle trug neulich zu einem offiziellen Termin Jeans und Stiefeletten, für eine Prinzessin oder eine, die es werden will, eigentlich ein großes No-go.

Die Tücken des roten Teppichs

Klar, Meghan Markle spielt trotzdem ihre Rolle, winkt brav, lässt sich von Prinz Harry sanft beim Arm nehmen, als wolle er ihr den Weg zeigen und sie zugleich beschützen. So wie eben jeder, der irgendwas darstellt, zumindest zum Teil in seiner Rolle bleiben wird und das auch über seine Kleidung zeigt. Vielleicht kann einem Kleidung, in der man sich wohlfühlt, in solchen Situationen sogar helfen. Als Anwalt oder Anwältin, als Lehrer oder Lehrerin, als Braut oder Bräutigam, als movie star, männlich, weiblich.

Selbstverständlich bleibt die Frage Who are you wearing? trotzdem absurd. So wie überhaupt die Tatsache, dass da jemand über einen roten Teppich läuft, von allen Seiten fotografiert und angeschrien wird, bitte hier lächeln, bitte dort hinschauen.

Dabei soll der rote Teppich der Legende nach tatsächlich mal eine echte Funktion gehabt haben. Als Wegweiser für die Stars vom Auto bis zum Eingang in den frühen Oscar-Jahren. Je mehr sich die Prominenten-Kultur etablieren konnte, umso wichtiger wurde er als Ort, um dort ein Autogramm zu bekommen, einen Star zu sehen. Die erste Oscar-Preisträgerin in der Kategorie Beste Schauspielerin war übrigens Janet Gaynor, 1929 – und sie war nicht aufgestylt. Dass sie gewinnen würde, hatte man ihr schon zuvor zugetragen, aber weil sie mitten in Dreharbeiten steckte und ihre Arbeitstage um 5 Uhr morgens begannen, fehlte die Zeit. „Ich wollte erwachsen und kultiviert aussehen“, sagte sie später in einem Interview. „Hätte ich geahnt, was aus der Veranstaltung werden würde, wäre ich sicher überwältigter gewesen.“ Die erste Schauspielerin, die sich dann ausstatten ließ, hieß Audrey Hepburn, 1954, von Hubert de Givenchy. Es dauerte weitere 41 Jahre, bis die legendäre Entertainerin Joan Rivers auf die Frage kam: Who are you wearing? Zu dem Zeitpunkt setzte der Auftritt auf dem roten Teppich schon ein tagelanges Schönheitsregime voraus. „Die anderen Reporter sagten, so eine Frage würden sie nicht stellen“, erzählte Rivers mal „Vanity Fair“. „Sie würden die Schauspielerinnen nach ihrer politischen Haltung fragen. Aber das wollen Schauspieler in diesem Moment doch gar nicht hören. Sie sind aufgeregt. Sie haben drei Tage lang nicht gegessen. Ihre Haare werden von Extensions zusammengehalten. Man kann ihnen in diesem Moment keine schwierigen Fragen stellen.“

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