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Mainz : In der angeblichen Skandal-Kita ist wohl gar nichts passiert

Hätte die Kindertagesstätte „Maria Königin“ gar nicht geschlossen werden müssen? Bild: dpa

Die Meldung, Kinder in einer Mainzer Kita hätten sich gegenseitig missbraucht, kostete sieben Mitarbeitern den Job. Jetzt stellt sich heraus: Die Ereignisse wurden wohl überinterpretiert.

          Die Staatsanwaltschaft Mainz, die in den vergangenen fünf Monaten versucht hat, die Vorgänge in der seit Juni geschlossenen Kindertagesstätte „Maria Königin“ zu ergründen, sieht bislang keine Belege dafür, dass sich die sieben Mitarbeiter der katholischen Einrichtung strafbar gemacht haben. Das Bistum Mainz hatte das Haus im Stadtteil Weisenau am 10. Juni über Nacht geschlossen und sechs Erzieherinnen sowie einem Erzieher fristlos gekündigt. Zur Begründung teilte das Bistum mit, in der Kindertagesstätte sei es nach Angaben besorgter Eltern offenbar über Monate hinweg zu körperlichen und sexuellen Übergriffen unter den zu betreuenden Kinder im Alter von drei bis sechs Jahre gekommen.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          „Die dem Verfahren zugrundeliegenden Vorwürfe haben sich nach dem bisherigen Ermittlungsstand nicht erhärtet“, teilte die Leitende Oberstaatsanwältin, Andrea Keller, am Dienstag in einem vorläufigen Abschlussbericht mit: „Es haben sich überwiegend entlastende Erkenntnisse ergeben.“ Konkret ging es bei der Untersuchung darum, ob und inwieweit es in der Vergangenheit womöglich zu einer strafbaren Verletzung der Aufsichtspflicht seitens des Erzieher-Teams gekommen war. Offiziell ist das Ermittlungsverfahren allerdings noch nicht abgeschlossen.

          Kirche verteidigt Vorgehen

          In einer ersten Reaktion verteidigte der Mainzer Generalvikar, Prälat Dietmar Giebelmann, am Dienstag das harte Vorgehen des Bistums und der katholischen Pfarrgemeinde Weisenau, die Träger der Einrichtung ist: Dies sei „notwendig und erforderlich“ gewesen. „Die Vorwürfe der Eltern waren zum damaligen Zeitpunkt glaubhaft“, so die Position des Bistums. Andernfalls hätte die Staatsanwaltschaft ja auch nicht Ermittlungen aufgenommen. Parallel dazu gibt es noch mehrere Verhandlungen vor dem Arbeitsgericht in Mainz: Nur in einem Fall wurde die fristlose Kündigung von dem betreffenden Mitarbeiter akzeptiert; mit einer Mitarbeiterin einigte man sich auf einen Vergleich.

          Der Weisenauer Kindergarten an der Jakob-Sieben-Straße mit seinen 55 Plätzen, der nun schon seit Juni geschlossen ist, soll im kommenden Frühjahr unter neuer Leitung, mit neuem Personal und neuem Konzept wiedereröffnet werden. Giebelmann machte am Dienstag die Auffassung der Kirche noch einmal deutlich: „Im Fall eines schweren Verdachts der Verletzung der Aufsichtspflichten muss gehandelt werden, um einen möglichen weiteren Schaden von den betroffenen Kindern abzuwenden.“

          Ereignisse wurden wohl überinterpretiert

          Mittlerweile sind nach Angaben der Staatsanwaltschaft 32 Jungen und Mädchen, die bis zum Juni in der Kita betreut wurden und danach in anderen Häusern unterkamen, von eigens dafür ausgebildeten Polizisten befragt worden; darüber hinaus habe man 35 Eltern und sonstige Bezugspersonen sowie zehn zusätzliche Zeugen wie etwa Kinderärzte angehört. Zur Bewertung der Kinder-Aussagen wurde laut Keller außerdem eine Psychologin hinzugezogen. In einem Fall sei sogar die Rechtsmedizin mit einem Gutachten beauftragt worden, weil eines der Kinder Verletzungen im Intimbereich aufgewiesen habe, die nach Keller „im Ergebnis allerdings nicht auf einen Übergriff oder ähnliches zurückzuführen waren“.

          Wenngleich der Abschlussbericht noch aussteht, nehmen die Ermittler offensichtlich an, dass einzelne Ereignisse im Kindergarten von einigen Eltern womöglich überinterpretiert worden sind – was sich dann hochgeschaukelt haben könnte. Womöglich hätten besorgte Eltern die eigenen Kinder später dann selbst suggestiv befragt und so die „erwarteten“ Antworten erhalten. Auch wenn nicht auszuschließen sei, dass es in dem vergleichsweise unübersichtlichen Altbau und womöglich in Verbindung mit Personalengpässen durchaus Missstände gegeben habe, dürften es nach derzeitigem Erkenntnisstand der Staatsanwaltschaft aber keine strafrechtlich relevanten Vorfälle gewesen sein.

          Ergänzend dazu teilte die Leitende Oberstaatsanwältin gestern noch mit, dass bereits am 19. Juni auch gegen den Pfarrer der katholischen Gemeinde ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern eingeleitet worden sei. Eine entsprechende Strafanzeige habe damals eine Mutter von zwei Kindern gestellt. Ihre Behauptung, dass es zu sexuellen Handlungen des Pfarrers an den Kindern gekommen sei, hat sich laut Keller in weiteren Befragungen allerdings nicht bestätigt. Und bei einer Durchsuchung der Pfarrer-Wohnung sei ebenfalls kein belastendes Beweismaterial gefunden worden, so dass auch dieses Ermittlungsverfahren nun wohl in Bälde abgeschlossen werden könne.

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