https://www.faz.net/-gum-7wrjt

Leben im Irak : Das Paradies ist hier nicht mehr

Bild: F.A.Z., Helmut Fricke

Saddam Hussein hat damals das Sumpfgebiet zu Kriegszwecken trockengelegt. Nach seinem Sturz kam das Wasser des Euphrats zurück – und mit ihm die Marscharaber. Sie können endlich wieder mit ihren Büffeln in ihre Heimat zurückkehren.

          In der Urzeit regte das Feuchtgebiet am Unterlauf von Euphrat und Tigris die Vorstellungen vom Garten Eden an. In der Moderne legte es dann Saddam Hussein von 1991 an trocken. Und nun ist das Leben ins irakische Marschland zurückgekehrt.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Die Schiiten hatten sich in jenem Jahr 1991 gegen Saddam Hussein erhoben. Das Marschland bot idealen Schutz und war ihr wichtigstes Rückzugsgebiet, und so verwandelte Saddam Hussein das Paradies in eine Wüste. Der Wüstenwind fegte über die endlos flache Ebene, zum ersten Mal seit Jahrtausenden lebten keine Bewohner mehr hier, die ihre Häuser aus Schilfrohren bauten. Nach Saddams Sturz überfluteten aber Euphrat und Tigris wieder das flache Land, und das Leben kehrte zurück.

          Im Jahr 2004, dem Jahr nach Saddams Sturz, kehrte auch Madschid mit seinen Eltern, Geschwistern und den 20 Büffeln der Familie an den Ort zurück, aus dem sie vertrieben worden waren. Sie mussten damals nach Norden ziehen, in die Provinz Salaheddin. Als Schiiten wurden sie bei den dortigen Sunniten nie akzeptiert, und so zogen sie mit ihren Büffeln stets dorthin, wo sie Wasser fanden.

          Der Bruder kämpft gegen den „Islamischen Staat“

          Seit einem Jahr lebt Madschid, der heute 25 Jahre alt ist und nie eine Schule besucht hat, mit seiner jungen Frau und einem Säugling in einem der traditionellen Schilfhäuser – dort, wo in der endlosen Weite des Schilfs kleine Inseln entstanden sind. Jeden Morgen steigt er in seinen Kahn, um in den unendlichen Kanälen des Marschlands zu fischen. Meist bringt er 20 Kilogramm heim, die er verkauft. Dafür bekommt er umgerechnet 50 Euro. Ebenso verkauft er an einer nahe gelegenen Sammelstelle die Milch seiner Büffel, die bei Hitze leicht ins Wasser gleiten und sich vom Schilf ernähren.

          Die nahe Stadt Dschubajisch reizt ihn nicht. Madschid genießt die Freiheit draußen im Marschland an dem kleinen Weiler Ischan Gubba, wo Archäologen Zeugnisse der Zivilisation der Sumerer gefunden haben, Münzen zum Beispiel und Tonscherben. Das interessiert ihn aber nicht. Lieber erzählt er stolz, dass einer seiner Brüder, der 32 Jahre alte Hamza, vor wenigen Wochen in den Krieg gegen den „Islamischen Staat“ gezogen ist.

          Schilf, Büffel und Fische sorgen für das Auskommen

          Zwei Söhne der Nachbarfamilie, der 16 Jahre alte Sadschad und der ein Jahr jüngere Ahmad, treiben Büffel einen Pfad entlang, der etwas erhöht über dem Wasserspiegel verläuft, ein paar hundert Meter in die leicht vom Wind bewegten Schilfrohre hinein. Saddam Hussein hatte den Pfad anlegen lassen, damit sich die Soldaten in dem feindlichen Territorium rasch bewegen konnten.

          Büffel, Fische, Vögel und Schilf: Daraus besteht das Auskommen der Menschen in der irakischen Sumpflandschaft Bilderstrecke

          Heute macht Madschid dort sein Boot fest. Sadschad und Ahmad, die barfuß laufen, sind erst vor drei Wochen wieder in das Marschland gekommen. Ihre Familie war in den neunziger Jahren in die nahe gelegene Provinzhauptstadt Maizan gezogen. Heute ist sie ihrer Büffel wegen wieder überwiegend im Marschland, gelegentlich aber auch in der Stadt. Auch den beiden Jugendlichen gefällt es hier besser als in der Stadt, wo sie sich eingeengt fühlen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klopp beim FC Liverpool : Kurz vor der Königsweihe

          Jürgen Klopp hat mit Liverpool die Champions League gewonnen, die Fans aber sehnen seit beinahe dreißig Jahren die Meisterschaft herbei. Sie wollen nicht mehr warten.
          Oktober 2018: Polizisten drängen mehrere Demonstranten gegen den Landesparteitag der AfD Niedersachsen in Oldenburg ab (Symbolbild)

          Opferbefragung : Studie: Deutlich mehr Fälle von Polizeigewalt

          Bei Demonstrationen und Fußballspielen kommt es offenbar besonders oft zu Eskalationen: Eine Studie der Universität Bochum legt nahe, dass Polizisten deutlich häufiger als bisher gedacht ungerechtfertigte Gewalt anwenden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.