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: Immer die volle Dröhnung Heckmann

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Wenn sie es schafft, nutzt sie die große Pause für einen Gang durchs Haus. "Halt! Halt! Halt!", ruft Cordula Heckmann, kaum dass sie die Tür ihres Zimmers hinter sich geschlossen hat. "Seid so freundlich, geht bitte raus!" Sie streckt ...

          Von Julia Schaaf

          Wenn sie es schafft, nutzt sie die große Pause für einen Gang durchs Haus. "Halt! Halt! Halt!", ruft Cordula Heckmann, kaum dass sie die Tür ihres Zimmers hinter sich geschlossen hat. "Seid so freundlich, geht bitte raus!" Sie streckt ihre schmalen Arme zur Seite und scheucht eine Gruppe Halbstarker, jeder einzelne größer und doppelt so breit wie sie, in den Hof. Dann stürmt sie die Treppe hinauf, den Oberkörper energisch nach vorne geneigt: kurzes Strickkleid, Blazer, die Absätze der Wildlederstiefel klappern. Eine zierliche Frau mit der Stimme eines Feldwebels macht den Job eines Hütehunds. Frischluft muss sein.

          Erster Stock: Möhren knabbernde Kopftuchmädchen erheben sich freiwillig von ihrem Platz an der Heizung. Zweiter Stock: Drahtige Burschen flüchten den Flur entlang. "Hallo, junger Mann, haaallo!", brüllt Heckmann und eilt hinterher, zufrieden, dass die Kerle jetzt offenbar von selbst den Weg ins Freie finden. Im Vorbeischreiten grüßt sie hier und lächelt da, schüttelt links eine Kollegenhand, wechselt rechts zwei Sätze oder vertröstet eine Schülerin: "Ich komm' noch mal auf dich zu!" Wenn ihr ein Junge mit Baseballkappe begegnet, tippt sie sich kurz an den Kopf, die Mütze verschwindet. Dann ist Unterricht. Heckmann sagt: "Vor allem geht es darum, präsent zu sein."

          Cordula Heckmann leitet eine Schule, die nur einen provisorischen Namen, aber eine turbulente Geschichte hat. Fünf Jahre ist es her, dass die Rütlischule in Berlin-Neukölln zum Symbol für gescheiterte Bildungs- und Integrationspolitik wurde, weil das Kollegium vor der Aggressivität und dem Desinteresse der Schüler kapitulierte. Als daraufhin die Medien die Hauptschule belagerten und Jugendliche anstifteten, Papierkörbe aus dem Fenster zu werfen, saß Cordula Heckmann im Lehrerzimmer der Realschule, die im anderen Flügel des Gebäudes untergebracht war. Um dem Wirbel zu entgehen, entwischte sie durch den Garten.

          Heute ist das einstige Lehrerzimmer Heckmanns Schulleitungsbüro und frisch in Vanillegelb gestrichen. "Wir sind eine ganz normale Schule", sagt die Zweiundfünfzigjährige gern, nicht ohne anzufügen, wie viel das heißt unter den gegebenen Umständen. Die Rütli-Hauptschule und die unter dem gleichen Dach befindliche Realschule sind vor knapp zwei Jahren mit der nahe gelegenen Grundschule zur "1. Gemeinschaftsschule Neukölln" fusioniert. Von der ersten Klasse an werden hier Schüler unterschiedlichster Begabungen gemeinsam unterrichtet - wenn möglich bis zum Abitur.

          Außerdem soll mit dem "Campus Rütli" um die Schule herum eine Bildungslandschaft entstehen, die vom Kindergarten über Freizeitzentren auch die Volkshochschule umfasst und als Zukunftsmodell für soziale Brennpunkte gilt. Von den Millionen allerdings, die diesem ehrgeizigen Stadtteilprojekt zugutekommen, fließt kein Euro an die Schule. "Es ärgert mich, wenn in der Presse steht, wir wären übermäßig ausgestattet", sagt Heckmann. "Nein. Wir machen übermäßig Arbeit."

          Nach wie vor stammen neun von zehn Kindern an der Schule aus Zuwandererfamilien, fast ebenso viele leben von staatlicher Unterstützung. Trotzdem verließen vergangenen Sommer nur zwei Zehntklässler die Schule ohne Abschluss; 35 durften dank ihres Zeugnisses die Oberstufe besuchen. "Wenn Sie eine Schule aufbauen aus Trümmern - anders kann ich es nicht formulieren -, müssen Sie ganz viel Sicherheit vermitteln", sagt Heckmann. Inzwischen glaubt sie, die Wende sei geschafft. Für das nächste Schuljahr haben sich doppelt so viele Schüler angemeldet wie im Jahr zuvor, darunter eine Handvoll Kinder mit Gymnasialempfehlung. Das ist das Ziel. Heckmann nennt es "eine schöne Heterogenität". Etappen auf dem Weg dahin: keine Gewalt im Haus und weitgehend ungestörter Unterricht. Wer auf dem Gelände auch nur das Handy zückt, kann das Gerät drei Tage später in Begleitung der Eltern im Sekretariat abholen.

          Die Person des Schulleiters gilt als Schlüsselfigur im Bildungswesen. Niemand sonst prägt den Geist, das Niveau und das Klima an einer Schule so stark wie der Chef - im Guten wie im Schlechten. Zu Brandbrief-Zeiten war die Rütli-Schule krankheitsbedingt schon seit Monaten ohne Führung. Heute sagt der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky: "Frau Heckmann ist der lebende Beweis für die Binsenweisheit, dass alles immer von den handelnden Personen abhängt. Die beste Idee, das beste Konzept taugen überhaupt nichts, wenn Sie niemanden haben, der sie mit Leben erfüllt. Campus Rütli hat bereits eine völlig veränderte Schule hervorgebracht. Aber in Wirklichkeit war es nicht Campus Rütli, sondern Frau Heckmann."

          Dafür sitzt die Schulleiterin regelmäßig zwölf Stunden im Büro, und wenn sie Freitag und Samstag auf einem Workshop war, kommt sie am Sonntag, um E-Mails abzuarbeiten und strukturiert in die Woche zu starten. Cordula Heckmann sagt mit größter Selbstverständlichkeit "meine Schule", aber sie sagt auch: "Das ist keine One-Man-Show." Teamarbeit schätzt sie sehr. Zugleich weiß sie, dass es jemanden braucht, der Entwicklungen anstößt, Prozesse bündelt und am Schluss die Verantwortung übernimmt. Schon lange ist ein Schulleiter nicht mehr Primus inter Pares. Er ist vielmehr Beurteiler und Entscheider, Repräsentant, Marketingbeauftragter, Kummerkasten und Mediator zugleich. Mindestens.

          Zufällige Kostprobe aus dem ganz normalen Alltag: Aus dem überquellenden Postkörbchen fischt Cordula Heckmann die wichtigsten Briefe, dann greift sie zum Hörer. Anruf bei der Schulverwaltung. Ein Lehrer aus Nordrhein-Westfalen hat sich beworben, ein Mann mit Migrationshintergrund und den gefragten Fächern Mathe und Physik - den will Heckmann unbedingt. "Es ist schon gut, wenn wir ihn in Berlin haben", wirbt sie für die Einstellung. Anschließend telefoniert sie mit einem Fachmann, der in Klassen hospitiert hat, um auf diese Weise Verbesserungen anzustoßen. "Die Perspektive ist, dass wir fortfahren mit dem Coaching, das hat mich gefreut. Wir wissen doch beide, dass es manchmal schwierig ist, die Lehrer dafür zu gewinnen." Unterrichtsentwicklung nennt Heckmann "generell die Herausforderung überhaupt".

          Unterdessen schaut ein Kollege herein und warnt, die Werbung für die neue Oberstufe laufe schleppend. Ein Referendar bittet um eine schriftliche Beurteilung, eine Schülerin um die Genehmigung eines außerplanmäßigen Praktikums. Zwischendurch legt die stellvertretende Schulleiterin Schriftstücke zum Unterschreiben vor. "Du bist ein Schatz", ruft Heckmann munter.

          Diese elegante Person mit dem pfälzisch gerollten "r" und dem herzhaften Lachen war immer das, was man eine gute Lehrerin nennt. 16 Jahre lang arbeitete Heckmann an einer privaten Internatsschule im gutbürgerlichen Dahlem, an der das Land Berlin gezielt Kinder aus desolaten Familien unterbrachte. Sie hatte evangelische Theologie und Englisch studiert, unterrichtete aber auch Deutsch, Ethik und Gemeinschaftskunde. Weil Erziehung Beziehungssache ist, wollte sie möglichst viele Stunden in ihrer Klasse sein. "Das war immer die volle Dröhnung Heckmann", sagt sie. Bis heute versteht sie sich als Vertrauensperson der Schüler, für deren Erfolg sie kämpft, unbedingt. Zugleich ist sie überzeugt, dass es deutlich formulierte Erwartungen und Grenzen braucht. "Herzliche Klarheit", nennt sie diese Mischung.

          Nach Neukölln ging sie dann, freiwillig, weil sie eine berufliche Veränderung suchte. Mit schwierigen Schülern konnte sie schon immer gut. In Dahlem war sie Konrektorin gewesen, weil "ich immer sehr viel gestalten wollte". Aber erst nach einigen Jahren in Neukölln, als sie sich mit den Besonderheiten des Stadtteils und seiner Zuwandererfamilien ausreichend vertraut fühlte, übernahm sie den Leitungsposten ihrer damaligen Realschule. Fortbildungen hatte sie laufend absolviert. Jetzt kam ein Managementkurs dazu.

          Montagmittag, Planungskonferenz, wie jede Woche kommt die Schulleitung mit den Jahrgangsstufenleitern zusammen. Auf dem Tisch stehen Kaffee, Ingwerplätzchen und die Thermoskanne Roibuschtee für Cordula Heckmann. Die Rektorin führt in straffem Tempo durch die Tagesordnung. Schulprogramm, das Zusammenwachsen mit der in einem separaten Gebäude untergebrachten Grundstufe, die Auswahl eines neuen Caterers für die Mensa. Heckmann ist freundlich und gut organisiert. Immer hat sie die Zeit im Blick. Wenn sie den Raum für Diskussionen öffnet, lenkt sie das Gespräch zurück, bevor es auf Abwege gerät. Jederzeit wird deutlich, welches Ziel sie persönlich ansteuert. "Jetzt habe ich Sie erschlagen, oder?" fragt sie und: "Kriegen wir das hin?" Oder sie sagt: "Das können wir beklagen. Aber das sind Dinge, die haben wir nicht in der Hand." Andere Schulleiter lamentieren hauptberuflich über unerquickliche Rahmenbedingungen und den Mangel an Geld und Personal. Heckmann versteht es als ihre Aufgabe, aus den vorhandenen Ressourcen das Beste zu machen.

          Mit diesem Stil hat sich die Schulleiterin den Respekt ihres Kollegiums erarbeitet. Es mag Lehrer geben, die ihr Pochen auf Weiterbildung übertrieben finden. Andere stellen fest, die Rektorin sei weniger ansprechbar, als sie behaupte, schon allein wegen der Fülle ihrer Aufgaben. Ein langjähriger Rütli-Lehrer formuliert: "Im Großen und Ganzen ist bei uns die Stimmung gut, und da trägt sie maßgeblich zu bei." Schon werden Sorgen laut, wie lange sie diese Schlagzahl durchzuhalten vermag. Schließlich ist ihr schwarzer VW jeden Abend der letzte Wagen auf dem Parkplatz.

          Sie habe gewusst, worauf sie sich einlasse, sagt Heckmann. Ihr Privatleben empfindet sie als Ausgleich. Der Sohn ist erwachsen, ihr Mann als Freiberufler mit abenteuerlichen Arbeitszeiten vertraut. Das Paar kennt sich seit 35 Jahren, Heckmann sagt: ein eingespieltes Team. Mindestens einmal die Woche geht sie ins Fitnessstudio. Abends liest sie, vom Krimi bis zum Sachbuch, und besonders Romane helfen beim Abschalten. Außerdem wollte sie diesen Posten. Cordula Heckmann ist überzeugt, dass nur die Überwindung der Haupt- als Restschule die Bildungschancen der schwächsten Schüler verbessern kann. "Es macht einen Riesenspaß", sagt sie. "Und es ist vielleicht etwas, wovon man am Ende des Tages sagen kann: Man hat etwas bewirkt."

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