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Johannes XXIII. : Mit einer Portion heiliger Verrücktheit

  • -Aktualisiert am

Vom Bauernsohn zum Papst: Johannes XXIII. auf einer undatierten Aufnahme Bild: dpa

Im Vatikan galt Angelo Roncalli als naiver Bauernsohn. Dann wurde er Papst - und revolutionierte die Kirche. Am Sonntag wird er, gemeinsam mit Johannes Paul II., heiliggesprochen.

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          Als Priesterseminarist in Bergamo hatte Angelo Roncalli noch gelobt, mit größter Vorsicht durch die Stadt zu spazieren. Er wolle die Augen „notfalls zu Boden gesenkt halten“ und sich vor leichtfertigen Blicken auf Frauen hüten. Später, als Diplomat des Vatikans in Sofia und Istanbul, führte er freilich einen intensiven Briefwechsel mit der katholischen Feministin Adelaide Coari und empfahl sie der Redaktion der wichtigen Jesuitenzeitschrift „Civiltà Cattolica“. Und als er 1958 zu Papst Johannes XXIII. geworden war, begrüßte er in seinem Rundschreiben Pacem in terris das neuerwachte Selbstbewusstsein der Frauen als Signal, dass der Geist Gottes eben doch die Entwicklung der Menschheit lenke.

          Er warnte vor den Kommunisten wie alle Kirchenfürsten seiner Zeit. Er litt unter der Einkerkerung von Priestern und den Repressalien gegen bekennende Christen in Kuba und der Sowjetunion. Aber als Papst empfing er Chruschtschows Schwiegersohn Alexej Adschubej, der zu den mächtigsten Männern im Kreml gehörte, und dessen Ehefrau Rada Chruschtschowa in Privataudienz. Er bezauberte beide mit seinem legendären Charme. Als die Kommunisten kurz darauf bei den italienischen Parlamentswahlen mehr als eine Million Stimmen dazugewannen, goss die rechte Presse Schmutzkübel über Papst Johannes aus. „Falcem in terris“ titelte eine Mailänder Zeitung bitterböse, „Sichel auf Erden“, in Anspielung auf seine Friedensenzyklika Pacem in terris und die marxistischen Symbole Hammer und Sichel. Der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer hielt den Papst für „politisch dumm“.

          Seligsprechung nur im Doppelpack

          Noch vier Wochen vor seinem Tod, Johannes sah mit seinem zusammengeschrumpften Gesicht und den glanzlosen Augen bereits aus wie der Bewohner einer anderen Welt, schleppte ein amerikanischer Monsignore den Geheimdienstler John McCone in die päpstlichen Gemächer, um Roncalli vor den Machthabern im Kreml zu warnen. „Ich werde meinen Stil nicht wegen der ungehörigen Aufregung ändern“, entgegnete Johannes. „Mein Segen gilt allen Völkern, und ich enthalte keinem mein Vertrauen vor.“

          Wenn man sich das abenteuerliche Leben und die rebellische Ideenwelt des Roncalli-Papstes näher ansieht, erscheint es fast schon logisch, dass der Vatikan mit seiner Seligsprechung gezögert und den spektakulären Schritt im Jahr 2000 nur im „Doppelpack“ gewagt hat - zusammen mit Pius IX., der liberalen Katholiken anfangs als Hoffnungsträger galt und dann zum Symbol finsterer Reaktion wurde. Dagegen der bis zur Selbstverleugnung gesprächsbereite Johannes mit seinem kraftvollen Bauernglauben! Als er 1962 die Bischöfe und Theologen aus allen Kontinenten zum Zweiten Vatikanischen Konzil nach Rom rief, da ging es nicht um die Rettung alter katholischer Besitzstände. „Eine glühende Erneuerung des Lebens der Kirche, eine neue und vitale Ausstrahlung des Evangeliums in der ganzen Welt“ wünschte er sich von der Riesenversammlung.

          Die uralte, im Westen verschüttete, im Osten aber lebendig gebliebene Tradition der kollegialen Kirchenleitung kannte wohl kein Papst des 20. Jahrhunderts besser als der einstige Balkan-Diplomat Roncalli, der als Apostolischer Delegat zwei Jahrzehnte in Bulgarien, der Türkei und Griechenland verbracht hatte. Er hatte dort gelernt, dass fremdartige Riten und von Rom nicht akzeptierte Gewohnheiten ein sicherer Weg zu Gott sein konnten.

          Aufgefallen durch unvorsichtige Äußerungen

          Man weiß längst, dass der junge Roncalli viel lieber Kirchenhistoriker oder Landpfarrer geworden wäre und sozusagen zur Strafe in den diplomatischen Dienst abgeschoben wurde, weil er in Rom durch unvorsichtige Äußerungen - die etwa zu viel Toleranz gegenüber Mischehen erkennen ließen - aufgefallen war. Die wenig glanzvollen Posten auf dem Balkan entpuppten sich jedoch als entscheidende Stationen in der Entwicklung des späteren Konzilspapstes. In Istanbul, wo sich alle christlichen Konfessionen denselben staatlichen Attacken ausgesetzt sahen, wuchs ein unbefangener ökumenischer Kontakt. Roncalli lernte, dass die Antwort auf eine glaubensfeindliche Umwelt nicht in der Gettobildung liegen muss, sondern auch im Dialog zwischen den Kirchen bestehen kann.

          Prägend war für ihn die Konfrontation mit dem Überlebenskampf der Juden, denen der Päpstliche Gesandte Roncalli auf erfinderische Weise zu helfen wusste. Mit Transitvisa nach Palästina, die er unterschrieben hatte, konnte Roncalli Tausende von slowakischen Juden retten, die in Ungarn oder Bulgarien festsaßen.

          Prägend war nicht zuletzt auch die Erfahrung, von Rom kaltgestellt zu sein und in der Kurie nicht ernst genommen zu werden. Seine alten Freunde hatten längst bessere Posten erklommen, während Roncalli nach zwanzig Jahren immer noch irgendwo auf dem Balkan steckte. „Es kommt mir vor, als wäre ich von allem losgelöst, auch von jedem Gedanken des Weiterkommens“, notierte er damals in sein Tagebuch. „Dass aber ein so großer Unterschied möglich ist zwischen meiner Beurteilung der Situation hier und der Art und Weise, wie Rom dieselben Dinge einschätzt, das schmerzt mich; es ist dies mein einziges wirkliches Kreuz.“ „Ich werde stets die Wahrheit sagen, aber mit Milde, und über alles schweigen, was ich meiner Meinung nach an Unrecht oder Kränkung erlitten habe.“

          Monsignore Domenico Tardini, Roncallis unmittelbarer Vorgesetzter im Vatikan, formulierte erheblich weniger diplomatisch: „Questo non ha capito niente, der hat nichts verstanden“, erklärte er unwirsch, als wieder einmal ein weitschweifiger Brief aus Istanbul eintraf. Als Roncalli zum Papst gewählt worden war, verbrachte man im Staatssekretariat angeblich eine hektische Nacht damit, Tardinis boshafte Randbemerkungen auf den Berichten des chronisch unterschätzten Balkan-Diplomaten zu tilgen - was Johannes nicht hinderte, Tardini zu seinem Staatssekretär zu machen. Ein genialer Schachzug.

          Die Kirche war kein Selbstzweck

          Von einer dienenden, prophetischen Kirche träumte dieser Papst. Kirche nicht als Selbstzweck, sondern denen verpflichtet, die noch auf der Suche sind oder gar nicht wissen, was sie suchen sollen. Fast achtzigjährig erklärte Johannes mit forscher Entschlossenheit: „Die Welt bewegt sich.“ „Es ist notwendig, mit jugendlichem und vertrauensvollem Herzen den richtigen Zugang zu ihr zu finden und nicht die Zeit mit Gegenüberstellungen zu verschwenden.“ Öffnung statt Abgrenzung - das steckt hinter seiner unkomplizierten, menschenfreundlichen Umgangsart, mit der er eine unerhörte Revolution im Vatikan einleitete.

          Die Anerkennung christlicher Gemeinschaften als Kirchen, das Bekenntnis zur Religionsfreiheit, die neue Hochachtung anderen Religionen gegenüber, die Anerkennung eigenständiger Laienaktivitäten, die Solidarität mit den Problemen einer weithin säkularisierten Welt sind Früchte des Zweiten Vatikanischen Konzils, das er in zähem Ringen durchsetzte. Die ökumenische Bewegung machte er im Vatikan sozusagen salonfähig - wenn er sich die Einheit auch bloß als Rückkehr der verlorenen Söhne in das römische Vaterhaus vorstellen konnte. Geblieben ist seine Ermunterung, die sozialen Probleme anzupacken, geblieben ist sein leidenschaftlicher Protest gegen atomare Hochrüstung und gegen Krieg als Mittel der Politik.

          Geblieben ist auch ein Hauch von Anarchie, der seit dem lombardischen Bauernsohn durch die Korridore des Vatikans weht und der noch die Amtsführung seines späten Nachfolgers Wojtyła aus Krakau beeinflusste - und natürlich die provokanten Auftritte des Argentiniers Bergoglio, in dem manche eine Reinkarnation des Roncalli-Papstes erblicken: Ohne eine Portion „heiliger Verrücktheit“ könne die Kirche nicht wachsen, gab er seinen Kritikern zu bedenken. Als junger Bischofssekretär in Bergamo hatte er Hilfsgelder für streikende Hüttenarbeiter organisiert und Suppenküchen eingerichtet. Als Patriarch von Venedig ließ er den Nichtkatholiken Strawinsky ein Oratorium mit Zwölftonklängen im Markusdom uraufführen und plauderte auf den Steinstufen des Canal Grande mit den Gondolieri.

          Ausflüge ohne Eskorte

          Unangemeldet steckte er den Kopf in die vatikanischen Werkstätten, setzte die Gehälter der Angestellten herauf, machte ohne Polizeieskorte Ausflüge in Rom, ließ sich von dem aus der Kirche ausgetretenen, geschiedenen, linken Bildhauer Giacomo Manzù porträtieren. Er versuchte, Laisierungen unglücklicher Priester zu erleichtern, und nahm in seiner berühmt gewordenen Ansprache zur Konzilseröffnung am 11. Oktober 1962 die Gegner in der Kurie aufs Korn: Jeden Tag, sagte der Papst, werde sein Ohr von Stimmen verletzt, „die zwar vor religiösem Eifer brennen, aber nicht in gleicher Weise mit Takt und Urteilsvermögen begabt sind“. Sie klagten ständig darüber, dass die Gegenwart viel schlechter sei als frühere Zeiten. „Wir aber müssen diesen Unglückspropheten entschieden widersprechen“, „die immer nur Unheil vorhersagen, als stünde das Ende der Welt bevor“. Auch über die Ursachen der Kirchenspaltung ließ er unerhörte Einschätzungen verlauten: „Zum großen Teil ist es unsere Schuld.“

          Johannes, der angeblich so naive, gutmütige Bauernsohn im Apostolischen Palast, wusste genau, dass viele in seiner Umgebung ihn für eine kirchenpolitische Katastrophe hielten und über ihn lachten. In Marcel Lefebvres Priesterseminaren hingen Jahrzehnte nach Johannes’ Tod noch die Bilder von Pius XII., als sei die Zeit stehengeblieben. Mit Papst Johannes begann für die katholischen Fundamentalisten die Relativierung der Wahrheit, die gefährliche Verwischung der Grenzen. Kardinal Giuseppe Siri von Genua stellte fest, die Kirche werde fünfzig Jahre brauchen, um sich von den Irrwegen dieses Mannes zu erholen.

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