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Johannes XXIII. : Mit einer Portion heiliger Verrücktheit

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Die Anerkennung christlicher Gemeinschaften als Kirchen, das Bekenntnis zur Religionsfreiheit, die neue Hochachtung anderen Religionen gegenüber, die Anerkennung eigenständiger Laienaktivitäten, die Solidarität mit den Problemen einer weithin säkularisierten Welt sind Früchte des Zweiten Vatikanischen Konzils, das er in zähem Ringen durchsetzte. Die ökumenische Bewegung machte er im Vatikan sozusagen salonfähig - wenn er sich die Einheit auch bloß als Rückkehr der verlorenen Söhne in das römische Vaterhaus vorstellen konnte. Geblieben ist seine Ermunterung, die sozialen Probleme anzupacken, geblieben ist sein leidenschaftlicher Protest gegen atomare Hochrüstung und gegen Krieg als Mittel der Politik.

Geblieben ist auch ein Hauch von Anarchie, der seit dem lombardischen Bauernsohn durch die Korridore des Vatikans weht und der noch die Amtsführung seines späten Nachfolgers Wojtyła aus Krakau beeinflusste - und natürlich die provokanten Auftritte des Argentiniers Bergoglio, in dem manche eine Reinkarnation des Roncalli-Papstes erblicken: Ohne eine Portion „heiliger Verrücktheit“ könne die Kirche nicht wachsen, gab er seinen Kritikern zu bedenken. Als junger Bischofssekretär in Bergamo hatte er Hilfsgelder für streikende Hüttenarbeiter organisiert und Suppenküchen eingerichtet. Als Patriarch von Venedig ließ er den Nichtkatholiken Strawinsky ein Oratorium mit Zwölftonklängen im Markusdom uraufführen und plauderte auf den Steinstufen des Canal Grande mit den Gondolieri.

Ausflüge ohne Eskorte

Unangemeldet steckte er den Kopf in die vatikanischen Werkstätten, setzte die Gehälter der Angestellten herauf, machte ohne Polizeieskorte Ausflüge in Rom, ließ sich von dem aus der Kirche ausgetretenen, geschiedenen, linken Bildhauer Giacomo Manzù porträtieren. Er versuchte, Laisierungen unglücklicher Priester zu erleichtern, und nahm in seiner berühmt gewordenen Ansprache zur Konzilseröffnung am 11. Oktober 1962 die Gegner in der Kurie aufs Korn: Jeden Tag, sagte der Papst, werde sein Ohr von Stimmen verletzt, „die zwar vor religiösem Eifer brennen, aber nicht in gleicher Weise mit Takt und Urteilsvermögen begabt sind“. Sie klagten ständig darüber, dass die Gegenwart viel schlechter sei als frühere Zeiten. „Wir aber müssen diesen Unglückspropheten entschieden widersprechen“, „die immer nur Unheil vorhersagen, als stünde das Ende der Welt bevor“. Auch über die Ursachen der Kirchenspaltung ließ er unerhörte Einschätzungen verlauten: „Zum großen Teil ist es unsere Schuld.“

Johannes, der angeblich so naive, gutmütige Bauernsohn im Apostolischen Palast, wusste genau, dass viele in seiner Umgebung ihn für eine kirchenpolitische Katastrophe hielten und über ihn lachten. In Marcel Lefebvres Priesterseminaren hingen Jahrzehnte nach Johannes’ Tod noch die Bilder von Pius XII., als sei die Zeit stehengeblieben. Mit Papst Johannes begann für die katholischen Fundamentalisten die Relativierung der Wahrheit, die gefährliche Verwischung der Grenzen. Kardinal Giuseppe Siri von Genua stellte fest, die Kirche werde fünfzig Jahre brauchen, um sich von den Irrwegen dieses Mannes zu erholen.

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