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Johannes XXIII. : Mit einer Portion heiliger Verrücktheit

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Aufgefallen durch unvorsichtige Äußerungen

Man weiß längst, dass der junge Roncalli viel lieber Kirchenhistoriker oder Landpfarrer geworden wäre und sozusagen zur Strafe in den diplomatischen Dienst abgeschoben wurde, weil er in Rom durch unvorsichtige Äußerungen - die etwa zu viel Toleranz gegenüber Mischehen erkennen ließen - aufgefallen war. Die wenig glanzvollen Posten auf dem Balkan entpuppten sich jedoch als entscheidende Stationen in der Entwicklung des späteren Konzilspapstes. In Istanbul, wo sich alle christlichen Konfessionen denselben staatlichen Attacken ausgesetzt sahen, wuchs ein unbefangener ökumenischer Kontakt. Roncalli lernte, dass die Antwort auf eine glaubensfeindliche Umwelt nicht in der Gettobildung liegen muss, sondern auch im Dialog zwischen den Kirchen bestehen kann.

Prägend war für ihn die Konfrontation mit dem Überlebenskampf der Juden, denen der Päpstliche Gesandte Roncalli auf erfinderische Weise zu helfen wusste. Mit Transitvisa nach Palästina, die er unterschrieben hatte, konnte Roncalli Tausende von slowakischen Juden retten, die in Ungarn oder Bulgarien festsaßen.

Prägend war nicht zuletzt auch die Erfahrung, von Rom kaltgestellt zu sein und in der Kurie nicht ernst genommen zu werden. Seine alten Freunde hatten längst bessere Posten erklommen, während Roncalli nach zwanzig Jahren immer noch irgendwo auf dem Balkan steckte. „Es kommt mir vor, als wäre ich von allem losgelöst, auch von jedem Gedanken des Weiterkommens“, notierte er damals in sein Tagebuch. „Dass aber ein so großer Unterschied möglich ist zwischen meiner Beurteilung der Situation hier und der Art und Weise, wie Rom dieselben Dinge einschätzt, das schmerzt mich; es ist dies mein einziges wirkliches Kreuz.“ „Ich werde stets die Wahrheit sagen, aber mit Milde, und über alles schweigen, was ich meiner Meinung nach an Unrecht oder Kränkung erlitten habe.“

Monsignore Domenico Tardini, Roncallis unmittelbarer Vorgesetzter im Vatikan, formulierte erheblich weniger diplomatisch: „Questo non ha capito niente, der hat nichts verstanden“, erklärte er unwirsch, als wieder einmal ein weitschweifiger Brief aus Istanbul eintraf. Als Roncalli zum Papst gewählt worden war, verbrachte man im Staatssekretariat angeblich eine hektische Nacht damit, Tardinis boshafte Randbemerkungen auf den Berichten des chronisch unterschätzten Balkan-Diplomaten zu tilgen - was Johannes nicht hinderte, Tardini zu seinem Staatssekretär zu machen. Ein genialer Schachzug.

Die Kirche war kein Selbstzweck

Von einer dienenden, prophetischen Kirche träumte dieser Papst. Kirche nicht als Selbstzweck, sondern denen verpflichtet, die noch auf der Suche sind oder gar nicht wissen, was sie suchen sollen. Fast achtzigjährig erklärte Johannes mit forscher Entschlossenheit: „Die Welt bewegt sich.“ „Es ist notwendig, mit jugendlichem und vertrauensvollem Herzen den richtigen Zugang zu ihr zu finden und nicht die Zeit mit Gegenüberstellungen zu verschwenden.“ Öffnung statt Abgrenzung - das steckt hinter seiner unkomplizierten, menschenfreundlichen Umgangsart, mit der er eine unerhörte Revolution im Vatikan einleitete.

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