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Im Porträt: Comedian Oliver Polak : Lasst uns das Judenspiel spielen

  • -Aktualisiert am

Stand-up-Komiker Oliver Polak macht seine jüdische Vita zum Programm Bild: Andreas Pein

Er darf das, denn er ist selbst einer: Der Stand-up-Komiker Oliver Polak hat seine Vita zum Bühnenprogramm gemacht. Beim „Judenspiel“ nennt Polak die Namen Prominenter. Das Publikum muss rufen : „Jude“ oder „normal“. Es machen stets alle mit.

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          Oliver Polak kommt mit einem Getränk von Burger King ins Berliner Traditionslokal „Clärchens Ballhaus“. Auf dem Megabecher pappt ein Aufkleber: „Wieviele Juden bist Du?“ Die Sticker seien gerade erst fertig geworden, erzählt Polak. Aber nicht wegen des Spruchs habe er den Becher dabei. „Ich muss viel trinken.“ Wegen seines Gewichts sollten es aber eigentlich nicht so viele Milchshakes sein. Beim Ober bestellt Polak dann einen Riesling, lieblich. Ist diese Komposition noch Inszenierung oder authentisch schlechter Geschmack?

          Oliver Polak ist Stand-up-Comedian. „Deutschlands einziger jüdischer Stand-up-Comedian“, wie die Zeitung „Jüdische Allgemeine“ titelte. Aber die Bezeichnung „jüdischer Komiker“ mag Polak nicht. Besser einfach nur Komiker. „Für mich bin ich selber das Thema. Das Jüdische ist nun mal Teil meiner Identität, den man nicht ausklammern kann und ausklammern will.“ Dieser Teil allerdings hat den Dreiunddreißigjährigen bekannt gemacht. Seine jüdische Vita, das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen und der Holocaust sind die Säulen seiner Show „Jud süß sauer“. „Meine Damen und Herren, liebe Herrenrasse“, begrüßt er sein Publikum. Schäferhunde mit Waffen-SS-Mützen auf dem Kopf und Davidsternen an den Halsbändern dienen als Kulisse. Polak klotzt mit Klischees. Er selbst spricht von einer „Kunstform“, sieht sich „irgendwo zwischen Tokio Hotel und Rammstein“. Er sagt: „Es gibt eine Nachricht, aber die ist halt versteckt.“

          Mama taucht ständig auf

          Dafür ist Polaks Mutter omnipräsent. Muss gewöhnlich die Schwiegermutter für Witze herhalten, so ist es bei Polak die eigene. Kaum hat er bei „Clärchens“ auf einem der abgenutzten Holzstühle Platz genommen, da bedient er das Stereotyp der legendären „jiddischen Mamme“, die ihre Kinder niemals loslässt. „Hier kann man mit allen Leuten hingehen“, erklärt Polak die Wahl des traditionsreichen Tanzlokals für das Interview. „Selbst meine Mutter würde hier nicht auffallen.“ Was das jetzt über Frau Polak oder „Clärchens“ sagt, wird nicht so recht klar. Aber Mama taucht ständig auf. Selbst als Polak im Alter von 27 Jahren an Hodenkrebs erkrankte, war Mutter zur Stelle, um mit dem Chefarzt über die erforderliche Amputation des befallenen Hodens zu sprechen. Klingt nach komplex-komplizierter Mutter-Sohn-Beziehung. Aber Polak erklärt es so, dass es auch jeder Neonazi versteht: „Was ist der Unterschied zwischen einem Pitbull und einer jüdischen Mutter? Der Pitbull lässt irgendwann wieder los.“ Mit solcherlei Sprüchen, derben Scherzen und zuweilen auch in hintersinnig-doppelbödiger Manier bricht Oliver Polak das Tabu, Witze über Juden und den Holocaust zu machen. „Ich darf das, ich bin Jude“, heißt denn auch sein 2008 veröffentlichtes Comedy-Büchlein, das immerhin schon in der siebten Auflage erscheint.

          „Was ist der Unterschied zwischen einem Pitbull und einer jüdischen Mutter? Der Pitbull lässt irgendwann wieder los”

          Der Autor selbst erscheint an diesem Abend in „Clärchens Ballhaus“ so, wie man ihn von seinen Auftritten kennt: In Turnschuhen, Trainingshose mit ausgebeulten Taschen und schwarzem Kapuzenpulli unter dem Parka. Wenn Polak keine Jogginghosen trägt, dann Smoking. „Zum Beispiel zum Udo-Jürgens-Konzert.“ Womit wir schon wieder bei Mutter Polak wären. Sie ist nämlich Udo-Fan. Während der „Deinetwegen“-Tour in den achtziger Jahren durfte Oliver mit zum Konzert. Die größte Show für den Elfjährigen war, wie Mama bei der Zugabe versuchte, ihrem Idol Udo unter den verschwitzten weißen Bademantel zu gucken.

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