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Weihnachtsmarkt in London : Gaudi unterm Baum

  • -Aktualisiert am

Bier, Glühwein und bayerische Tracht - vor allem darauf reduzieren Engländer hier im Hyde Park das deutsche Weihnachten. Bild: INTERTOPICS/Empics/Matt Crossick

Seit über 150 Jahren bewundern die Briten die deutschen Bräuche zu Weihnachten. Doch was sie im Londoner Winter Wonderland aus ihnen machen, erstaunt.

          Der Wellington Arch beim Hyde Park Corner, errichtet zum Gedenken an den britischen Sieg über Napoleon, sollte einst ein bombastisches Eingangstor zur Londoner Innenstadt darstellen. An diesem Abend strömen die Menschenmassen aber in die entgegengesetzte Richtung, in den Park - dort warten deutsche Würste, Glühwein und Holzbänke. Es ist Weihnachtszeit, und die Deutschen können Weihnachten einfach besser als die Engländer.

          Zwischen Massen schlängeln sich drei Sportler auf Rollskis - es ist zwar kalt, aber auf Schnee können die Londoner Winterfans trotzdem selbst hier nicht hoffen. Dafür gibt es alles andere, was zur Adventszeit gehört. Das Winter Wonderland im Hyde Park, die größte Weihnachtsattraktion in der britischen Hauptstadt, vereint Vergnügungspark und Weihnachtsmarkt zu einem kitschigen Mix: ein Santa Claus in seiner Grotte, eine Achterbahn mit kreischenden Teenagern, eine Eislaufbahn, Marshmallows zum Selbstbraten, Eisskulpturen, chinesische Nudeln. Aber allem voran gibt es hier deutsche Köstlichkeiten.

          „Es fühlt sich einfach mehr nach Weihnachten an, wenn es deutschen Glühwein gibt“, sagt die 26-jährige Hannah, die in den Park gekommen ist, um etwas kontinentale Atmosphäre zu genießen. Ihr Freund, ebenfalls aus England, ist weniger an der Atmosphäre als am Kulinarischen interessiert. An allen Ecken weht einem der Geruch von Bratwürsten, Krakauern und Pommes entgegen, dazu gibt es deutsches Lager- oder Weizenbier. Die Besucher stört nicht, dass die Klischees arg strapaziert werden, mit allgegenwärtigen Lederhosen-Motiven, dem „Zillertal Ice Rink“ und dem „Bavarian Village“.

          Nachhilfe in Weihnachtsstimmung

          In einer Holzhütte mit einer Skilift-Kabine vor dem Eingang, darüber ein großer Elchkopf, stehen zwei Bayern mit Gitarre und Akkordeon und singen: „An der Nordseeküste, am plattdeutschen Strand...“ Alles ist irgendwie durcheinander, aber alles irgendwie heimelig. Das sei es, was den Engländern so gefalle, sagt Victoria Schneider, die zusammen mit ihrem Vater einen Imbiss, zwei Bars und einen Freefall-Tower betreibt, der gegenüber der Holzhütte steht.

          Die 22-jährige Bielefelderin wurde in die Schaustellerei hineingeboren. Unter dem Jahr reist die Familie mit dem Freifallturm durch Deutschland, jeden Winter kommt sie für sieben Wochen nach London, um den Einheimischen bei der Stimmung zu Weihnachten nachzuhelfen. Schneider ist seit drei Jahren dabei, ihr Vater kommt schon seit acht Jahren, er war einer der ersten Deutschen im Wonderland. Damals kamen die Veranstalter nach Deutschland, um nach passenden Geschäften zu suchen. „Die Engländer haben nichts, das so gemütlich ist wie unsere Kultur mit Wurst und Bier“, sagt Schneider. „Und mit der bayerischen Musik passt natürlich auch das Flair.“ Auf zwei Londonerinnen trifft das auf jeden Fall zu: Als die beiden Bayern zum Ententanz anstimmen, stellen sie ihr Bier beiseite und beginnen mitzusingen. Vier Tage lang machen die Musikanten hier „Gaudi“, sagt Schneider, sie selbst hingegen habe noch sechs Wochen vor sich, bevor sie wieder zurück nach München geht.

          Nur begrenzt beschaulich

          Die Engländer entwickelten ihre Schwäche für die deutsche Festlichkeit bereits vor über 150 Jahren, wenn auch das Gaudi damals noch weniger im Vordergrund stand. Im viktorianischen Zeitalter wurden die Deutschen oft als einfaches Volk gesehen, das Weihnachten auf „authentische“ Weise feiert: mit gutem Essen, geschmückten Tannen und bescheidenen Geschenken, insbesondere Spielzeug für die Kinder. So kam der Weihnachtsbaum über den Ärmelkanal, und die englische Mittelschicht begann, das Fest nach deutscher Art zu begehen. 1848 druckte eine britische Illustrierte ein Bild von Königin Viktoria, wie sie im Windsor Castle vor einem Christmas Tree sitzt, zusammen mit ihren Kindern und ihrem deutschen Mann, Prinz Albert.

          Der im Nachhinein etwas romantisierte Weihnachtstfriede von 1914, als in deutschen Schützengräben Tannenbäume aufgestellt wurden und verfeindete Soldaten Fotos ihrer Familien austauschten, bevor das Schlachten weiterging, machte die deutsche Weihnachtstradition im ganzen Land bekannt. Freilich traten bald negative Vorurteile gegen die Deutschen in den Vordergrund und hielten bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg an. Aber gleichzeitig blieb die Vorstellung der „echten“ deutschen Weihnachtstradition in den Köpfen der Engländer haften und führte in den achtziger Jahren dazu, dass Christmas Markets in England immer beliebter wurden. Wer im Winter in ein britisches Pub tritt, dem wird neben dem Geruch verschütteten Ales auch das süße Aroma von „mulled wine“ entgegenschlagen, wie Glühwein hier genannt wird.

          Beschaulichkeit stellt sich im Winter Wonderland nur begrenzt ein - ganz entgegen der deutschen Tradition des 19. Jahrhunderts geht es vor allem um den Kommerz. Im Bavarian Village stehen die Leute Schlange, um Bier für 5 Pfund zu kaufen. Jedes Jahr kommen auch viele Deutsche. „Ich treffe jeden Tag mindestens zehn“, erzählt Schneider. Und obwohl diese das ganze Jahr über deutsche Wurst essen könnten, griffen sie hier auch zu.

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