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Im Gespräch: Wildtierforscher Thomas Hildebrandt : Knuts Großmutter lag schon in der Röhre

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Eine Löwin im CT: Die moderne Rötgentechnik bereichert die Tiermedizin Bild: dpa

Die moderne Medizin bereichert die Tierwelt: Ein neuer Computertomograf des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung gibt den Wissenschaftlern einen gestochen scharfen Einblick in das Innenleben von Großtieren.

          Seit kurzer Zeit verfügt das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin über den modernsten Computertomograf der Veterinärmedizin. Mit diesem Gerät können nicht nur lebende, sondern auch tote Tiere mit einem Umfang bis zu 70 Zentimetern vollkommen untersucht werden. Das Gerät, welches Bilder mit der gleichen Qualität wie ein High-Definition-Fernseher produziert, ist eine Bereicherung für die Tiermedizin und Forschung.

          Herr Dr. Hildebrandt, in Ihrem Institut steht seit kurzem der auf der ganzen Welt modernste Computertomograf für die Veterinärmedizin. Was machen Sie damit?

          Das Gerät dient vor allem der Untersuchung und Erforschung größerer und schwerer Wildtiere. Aber auch die Nacktmullkönigin war schon bei uns in der Röhre.

          Die Nacktmullkönigin?

          Ein kleines Nagetier. Hochspannend. Nacktmulle leben in Ostafrika in riesigen Kolonien, ähnlich wie Bienen oder Ameisen. Die Königin wird durch Kampf gekürt und produziert dann den Nachwuchs.

          Und wieso musste sie in den CT?

          Zu den Besonderheiten der Nacktmulle gehört, dass die Königin wieder wächst, sobald sie sich ihre Führungsposition erkämpft hat. Mit Hilfe von CT-Aufnahmen wollen wir herausfinden, wie das geschieht. Denn gewöhnlich verknöchern bei Säugern die Wachstumsfugen in der Pubertät. Wenn es uns gelingt, das Wachstumsgeheimnis der Nacktmull-Königin zu ergründen, könnte das auch für die Knochenforschung in der Humanmedizin interessant sein.

          Gibt es denn schon Forschungsergebnisse dank des CT?

          Wir haben schon zahlreiche wichtige Erkenntnisse gewonnen. So ist uns mit Hilfe des CT der Nachweis gelungen, dass schon der riesige Brachiosaurus über pneumatisierte Knochen verfügte, also solche mit luftgefüllten Hohlräumen.

          Sie untersuchen auch Dinosaurier?

          Ja, wir werten gemeinsam mit unseren Kollegen vom Berliner Naturkundemuseum Funde aus, die deutsche Paläontologen Anfang des 20. Jahrhunderts von einer der erfolgreichsten Expeditionen der Forschungsgeschichte aus dem heutigen Tansania mitbrachten. Sie transportieren die Fossilien in großen Bambustrommeln, die mit Lehm gefüllt wurden. Bislang wusste man nicht, was für Schätze die Trommeln überhaupt bargen. Mit Hilfe des CT ist es uns gelungen, Unterkiefer-, Becken- und Unterschenkelknochen von Dinosauriern zu identifizieren, die zum Teil in den Sammlungen der Museen fehlen.

          Aber Sie nutzen den Computertomografen auch zur Untersuchung kranker Tiere?

          Ja. Wir hatten zum Beispiel die Großmutter von Eisbär Knut bei uns.

          Was fehlte ihr denn?

          Sie litt an Bauchwassersucht. Leider gehörte sie zu den Euthanasiekandidaten.

          Sie musste also eingeschläfert werden?

          Sie war schon tot, als sie zu uns kam. Es ging darum zu klären, ob die Euthanasie gerechtfertigt war.

          Und?

          Ja, hundertprozentig. Solche Fälle sind tragisch, aber die CT-Aufnahmen helfen uns, Krankheitsverläufe besser kennenzulernen und anderen Tieren Leiden zu ersparen.

          Wodurch unterscheidet sich denn Ihr CT von anderen Computertomografen?

          Oft werden in der Veterinärmedizin ausrangierte Geräte aus der Humanmedizin eingesetzt. Unser CT dagegen ist so modern, dass das Modell selbst in der Humanmedizin eine Rarität ist. Das Gerät arbeitet unglaublich schnell und liefert Bilder wie ein High-Definition-Fernseher. Ein Zwergflussperd kann innerhalb von 30 Sekunden von der Nasenspitze bis zum Schwanz in 4000 Bildscheiben geschnitten werden.

          Und was kostet das Gerät?

          Etwa eine Million Euro. Wir hatten das Glück, dass unser Gerät aus dem Konjunkturpaket der Bundesregierung und einer Kooperation mit dem Gerätehersteller Toshiba finanziert wurde.

          Wie schwer und wie groß dürfen Tiere denn maximal für die Untersuchung in dem CT sein?

          Der Gerätetisch kann eine Last von 300 Kilogramm tragen. Will man das ganze Tier durchleuchten, darf es allerdings nicht dicker als 70 Zentimeter sein; sonst kann man nur Aufnahmen von einzelnen Körperteilen machen. Das Elefantenbaby Jamuna Toni aus dem Münchener Tierpark Hellabrunn, das ja leider eingeschläfert werden musste, passte gerade noch in die Röhre.

          Und an welcher Erkrankung litt das Elefantenjunge?

          Die Aufnahmen bestätigten, dass Jamuna etliche Knochenbrüche hatte, die auf eine stoffwechselbedingte Knochenkrankheit hindeuten, wobei wir genetische Ursachen bisher nicht ausschließen können.

          Gibt es denn auch Fälle, in denen kranken Tieren noch geholfen werden konnte?

          Ja, wir hatten zum Beispiel eine Raubkatze, einen Karakal, der zur Zucht eingesetzt werden sollte, aber nicht bereit war zu decken. Die Untersuchung im CT ergab, dass er als junges Tier einen Beckenbruch erlitten hatte. Daraufhin hat man entschieden, sein Sperma künftig für künstliche Besamungen zu nutzen.

          Werden eigentlich auch Tiere aus dem Ausland für CT-Diagnosen zu Ihnen gebracht?

          Wir haben ein gemeinsames Forschungsprojekt mit dem Pariser Zoo, für den wir 80 eingefrorene Füße eingeschläferter Giraffen untersuchen. Leider passiert es immer wieder, dass die Tiere in Gefangenschaft schwere Entzündungen an den Klauen bekommen. Durch Vergleiche mit Bildern wildlebender Giraffen gelingt es uns hoffentlich herauszufinden, woran das liegt.

          In Krankenhäusern gibt es ja zuweilen Probleme bei CT-Untersuchungen, wenn Patienten stark übergewichtig sind. Kann Ihr Institut in solchen Fällen helfen?

          Bislang gab es keine Anfrage, aber wir haben uns schon Gedanken gemacht, wie dann zu verfahren wäre. Wir haben ja keine kassenärztliche Zulassung. Auch braucht man einen betreuenden Humanmediziner. Aber die technischen und räumlichen Bedingungen sind ideal. Wir haben einen hellen, klimatisierten CT-Raum, der wunderschön gestaltet ist.

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