https://www.faz.net/-gum-13i8a

Im Gespräch: Paartherapeut Arnold Retzer : „Reine Liebe ist mit dem Leben unvereinbar“

  • Aktualisiert am

Lassen sich nach zehn Jahren Ehe scheiden: Oliver und Simone Kahn Bild: dpa

Nach zehn Jahren Ehe lassen sich Oliver und Simone Kahn scheiden. Warum? Das können wir nur erahnen. Der Paartherapeut und Autor Arnold Retzer über Verstand und Gefühl in der Ehe, das Schöne am Streit und den Segen resignativer Reife.

          Warum lassen sich Oliver und Simone Kahn nun so überraschend scheiden? Darüber wollen sie Stillschweigen bewahren. Wir haben einmal nachgefragt, wie man auf Dauer miteinander glücklich bleiben kann. Der Paartherapeut Arnold Retzer ist der Ansicht, dass Liebe und Alltagsleben nicht zu verbinden sind. Für ihn ist die Ehe mit einer Skulptur zu vergleichen. Ähnlich wie beim Bildhauen sollte überflüßiger „Marmor“ weggeschlagen werden.

          Herr Retzer, lieben Sie Ihre Frau?

          Ja.

          Die beiden kannten sich schon seit sieben Jahren, als sie 1999 heirateten

          Warum ziehen Sie dann gegen die Liebesheirat zu Felde?

          Ich finde es nicht falsch, aus Liebe zu heiraten. Aber es ist etwas anderes, ob man jemanden liebt oder ob man ihn heiratet. Daraus entstehen unterschiedliche Formen von Beziehung.

          Was ist die Gefahr, wenn eine Beziehung auf Liebe aufbaut?

          Eine reine Liebesbeziehung ist mit dem Leben nicht vereinbar.

          Das glaube ich nicht.

          Ich meine damit, dass die Liebe mit der Organisation des Lebens nicht vereinbar ist. Am Beginn einer Paarbeziehung lieben sich die meisten Menschen. Die Beziehung sieht dann ungefähr so aus wie im Kino oder im Schlager: Individuelle Grenzen lösen sich auf; man ist ein Herz und eine Seele. Das geht anfangs ganz gut. Dann aber kommt das erste Kind, und jetzt stellen sich neue Fragen: Wer steht nachts auf? Gerade Männer haben oft die Vorstellung, die Liebesbeziehung lasse sich fortführen wie früher. Das schafft Probleme. Die Organisation des Alltags, die Verteilung von Lasten und das Aushandeln von Gerechtigkeit sind mit der Liebe nicht vereinbar.

          Sie empfehlen deshalb die „Vernunftehe“. Meinen Sie damit arrangierte Ehen, die zustande kommen, ohne dass Gefühle eine Rolle spielen?

          Überhaupt nicht. In unserem Kulturkreis ist die Liebe sozusagen die Eintrittskarte in eine Ehe. Aber eine erfolgreiche Paarbeziehung sollte sowohl mit dem Verstand als auch mit dem Gefühl rechnen. Der Kopf ist nicht der unwichtigste Teil unseres Körpers.

          Gibt es denn so etwas wie den richtigen Partner?

          Ich glaube, dass sich der richtige Partner im Lauf der Zeit herausstellen kann. Es gibt diese schöne Geschichte von einem Jäger, der im Wald lauter Bäume mit aufgemalten Zielscheiben sieht, und überall steckt mitten im Schwarzen ein Pfeil. Was ist das für ein Meisterschütze, fragt sich der Jäger. Als er dem Mann schließlich begegnet, erklärt dieser, es sei ganz einfach. Er schieße den Pfeil ab und male anschließend die Zielscheibe drum herum. Soll heißen: Ich tue mich mit jemandem zusammen und male im Zusammenleben die Zielscheibe um ihn herum.

          Bedeutet das, an seiner Beziehung zu arbeiten?

          Kommt darauf an. Ich halte wenig davon, den anderen so zu modellieren, dass er der Richtige wird. Es gibt zwei verschiedene Arten, ein Kunstwerk zu erzeugen. Bilder entstehen, indem einer leeren Leinwand Farbe hinzugefügt wird. Bei Skulpturen schlägt der Bildhauer überflüssigen Marmor weg. Die Ehe funktioniert nach dem zweiten Prinzip. Die Vernunft liegt im Weglassen problematischer Dinge. Dazu gehören etwa die Idee von der Herstellbarkeit des Glücks, der Anspruch auf Gleichheit und die Vorstellung, Probleme wären lösbar.

          Wir sehnen uns aber doch alle nach einer glücklichen, gleichberechtigten, harmonischen Partnerschaft.

          Der Wunsch nach Glück ist auch nichts Schlechtes. Aber wenn wir versuchen, daraus Wirklichkeit werden zu lassen, machen wir uns eher unglücklich.

          Wieso?

          Weitere Themen

          Erzählen Sie lieber was vom Pferd!

          TV-Kritik: „Sommerinterview“ : Erzählen Sie lieber was vom Pferd!

          In der ARD darf Dietmar Bartsch die Linke groß reden, im ZDF versucht Shakuntala Banerjee, die FDP, vertreten durch Christian Lindner, kleiner zu halten, als sie ist. Besser wäre es, über das Format der Sommerinterviews neu nachzudenken: Oberflächliche Dampfplauderei ist entbehrlich.

          Topmeldungen

          Streit mit Brasilien : Machtkampf um den Regenwald

          Deutschland und Norwegen streiten sich mit dem brasilianischen Präsidenten Bolsonaro um seine „Jungfrau“ – den Amazonas-Regenwald. Es geht um viel Geld, Klimaschutz und die Frage, wie Amazonien zu retten ist.
          Arbeit im Zeichen des Vegan-Trends: Mitarbeiter des Supermarktes „Veganz“ am Kühlregal

          Vegane Ernährung : Arbeit ohne Heiligenschein

          Immer mehr vegane und vegetarische Lebensmittel kommen auf den Markt. Um sie herum gibt es jede Menge Berufe. Wie ideologisch muss man sein, um in der Branche klarzukommen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.